MB-Kritik

Sleep No More 2026

Horror, Fantasy

Rachel Amanda
Lutesha
Iqbaal Ramadhan
Sal Priadi
Luqman Hakim
Didik Nini Thowok

Inhalt

Die Fabrikbesitzerin Maryati beutet ihre Angestellten in überlangen Arbeitsschichten aus. Sie lockt sie mit kleinen Aufmerksamkeiten, die sie dazu bringen, ihre Gier über ihren Schlaf zu stellen. Putri ist überzeugt, dass ihre Mutter deshalb in der Fabrik, in der sie arbeitete, Suizid begangen hat. Ihre Schwester Ida dagegen glaubt, dass die Mutter besessen war und deshalb ums Leben gekommen ist. Sie glaubt, dass immer, wenn die Arbeiter*innen einen Zustand der völligen Erschöpfung erreichen, eine dunkle, böse Gestalt erscheint und von ihnen Besitz ergreift. Um ihre Theorie zu beweisen, beschließt Ida, Tag und Nacht zu arbeiten. Sie will das Gleiche erleben wie ihre Mutter und das geheimnisvolle Wesen mit eigenen Augen sehen. 

Kritik

Mit seinem gore-affinen Mix aus Genre-Groteske und Gesellschaftskritik, die im Special der 76. Berlinale Weltpremiere feiert, profiliert der indonesische Regisseur Edwin (Seperti dendam, rindu harus dibayar tuntas) sich als ein bissiger Beobachter spätkapitalistischer Selbstausbeutung und sozialkorrosiver Systeme. Ein solches ist der symbolträchtige Schauplatz seines hintersinnigen Horror-Crossovers. In der heruntergekommenen Perücken-Fabrik schuften die Angestellten zu zynischen Bandansagen, die Leiden normalisieren und Leben als Luxusgut definieren. Diese darwinistische Devise scheint grausam passend für ein Arbeitsumfeld, in dem blutige Zwischenfälle zur zermürbenden Routine zählen. 

Die junge Putri (Rachel Amanda) beginnt ihre erste Schicht in dieser mörderischen Maschinerie nach dem mysteriösen Tod ihrer Mutter, die dort ebenfalls angestellt war. Putri Glaube, dass extreme Überarbeitung ihre Mutter in den Tod trieb, erschüttern eine Serie verstörender Vorfälle. Laut der glamourösen Fabrik-Besitzerin Maryati (Didik Nini Thowok) scheitert jeder Versuch, die Schichten der Angestellten zu kürzen, an deren Arbeitswut. Von der gewinnt die skeptische Protagonistin selbst ein blutiges Bild, als eine Kollegin nach einem Zusammenprall mit einem Nagelbrett freiwillig am Folgetag wieder auftaucht.

Ihre Schwester Ida (Lutesha, Skyline: Warpath) hingegen vermutet hinter dem schwarzhumorigen Slapstick-Splatter dämonische Besessenheit, die all jene heimsucht, die zu lange auf Schlaf verzichten. Um dem nachzugehen, tut Ida, was alle Horrorfilm-Figuren getan hätten: Sie wechselt selbst in den Schichtbetrieb, wo sardonische Schrecken und aberwitzige Attacken buchstäblich am Fließband produziert werden. Diese Doppelperspektive auf das vermeintliche Unglück der Mutter lässt das Grauen sowohl psychologisch als auch metaphorisch arbeiten. Die finsteren Fabrikhallen werden zur paranormalen Projektionsfläche gesellschaftlicher Diskurse über Arbeitsrechte, Apathie und Ausbeutung.

Fazit

Familiendrama, Folklore und Fantasy verbindet Edwin zu einer unterhaltsamen Untersuchung produktionswirtschaftlicher Mechanismen und imperialistischer Isolierung. In einer politisch lethargischen Leistungsgesellschaft erstickt die Mystifizierung permanenter Einsatzfähigkeit menschliche Grundbedürfnisse wie Schlaf. Gespenstisch ausgeleuchtete Werkhallen und monoton agierende Belegschaften kreieren eine dystopische Aura surrealen Schreckens. Akiko Ashizawas Kameraarbeit setzt auf klaustrophobische Enge und schleichende Paranoia. Bitterböse Gags und sarkastische Scares sind in dem affektiv geschauspielerten Grusel-Reigen wichtiger als Kohärenz und Logik der oftmals wirren Handlung. Ein subversiver Schauer-Spaß, der systematische Erschöpfung als soziologische Strategie enthüllt.

Autor: Lida Bach
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