MB-Kritik

Papaya 2025

Animation

Tulipa Ruiz
Aretha Garcia
Maria Vitória Garcia

Inhalt

Ein kleiner Samen aus dem Amazonasgebiet träumt davon, zu fliegen und bleibt in Bewegung, um nicht Wurzeln zu schlagen. Als er schließlich entdeckt, was seine Wurzeln wirklich können, löst er eine Veränderung aus, die seine Welt verändert und seinen Traum auf ganz neue Weise verwirklicht.

Kritik

Auf den ersten Blick wirkt Priscilla Kellens allegorische Animations-Geschichte eines Samenkorns wie eine mehr auf ein Kinderpublikum zugeschnittene Variation der Motive und Themen  s Hybrid-Werk Dandelion‘s Odyssee. Dabei könnten die Filme kaum verschiedener sein, von der visuellen Gestaltung über die dramaturgische Tonalität bis zur emotionalen Resonanz. Die winzige Titelheldin, die in einem bedrohten Paradies ihren weiten Weg beginnt, überwindet Gefahren, findet unerwartete Verbündete und verteidigt sich und die Flora und Fauna um sie herum schließlich gegen industrielle Zerstörung. 

Bevor die Papaya-Saat (Tulipa Ruiz) organisch und sinnbildlich über sich hinauswächst, will sie die Welt um sie herum entdecken. Um im Wind zu treiben, sich von Vögeln tragen zu lassen und über die Erde zu rollen, darf sie keine Wurzeln schlagen. Die soziologischen und geopolitischen Parallelen dieser wortwörtlichen Wurzellosigkeit bleiben ein übergreifendes Motiv des botanischen Road Movies. Dessen hintersinnige Handlung funktioniert zugleich als anthropomorphe Abenteuerreise und individualistische Parabel. Konfrontiert mit Pestizide, Monokulturen und der Zerstörung ihres Lebensraums erkennt Papaya ihre Verbundenheit mit diesem.

Ganz ohne gesprochene Dialoge entfaltet sich die phantastische Tour über Acker in eine Fabrik und durch eine surreale Sumpflandschaft allein über die farbenfrohen Bilder. In leuchtenden Komplementär-Farben, klaren Formen und zweidimensionaler Flächigkeit schafft die brasilianische Regisseurin eine an Henri Rousseau und Frida Kahlo angelehnte Ästhetik. Deren verspielte Elemente wirken als humor- und hoffnungsvolles Gegengewicht zu den harschen dramaturgischen Untertönen. Momente von Verlorenheit und Verzweiflung erinnern an die Zerbrechlichkeit und den Wert er unscheinbaren Sprösslinge, aus denen ein eigenes Ökosystem entstehen kann. 

Fazit

Botanische Fabel, ökologische Mahnung und poststrukturelle Parabel verwebt Priscilla Kellen zu einem visuell und narrativ gleichermaßen phantasievollen Animationsfilm. Naive Malerei, klassischer und abstrakter Expressionismus sind die markantesten Inspirationen der sprühenden Bilderwelt. Deren Niedlichkeit enthüllt unvermittelt bedrohliche Facetten, kulminiert in psychedelische Phantasmen, doch bleibt gleich der pflanzlichen Protagonistin stets naturverbunden. Obzwar die Botschaft einer scheinbar notwendigen Verwurzelung im zeitpolitischen Kontext globaler Migration ambivalente Aspekte annimmt, bleibt sie offen genug für eine emanzipatorische Interpretation. Ohne Worte, doch voller Idealismus und Imagination.

Autor: Lida Bach
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