MB-Kritik

Paper Tiger 2026

Adam Driver
Scarlett Johansson
Miles Teller
Joel Marsh Garland
Raphael Corkhill
Meredith Holzman
Cindy Katz
Patrick Murney
Jeff Adler
Rosslyn Luke
Dimiter D. Marinov
Yelena Solovey
Yavor Vesselinov

Inhalt

Zwei Brüder jagen dem amerikanischen Traum nach, geraten aber in ein gefährliches Komplott der russischen Mafia, das ihre Familie terrorisiert und ihre Bindung auf die Probe stellt, als Verrat möglich wird.

Kritik

“They’re a paper tiger”, sagt Adam Drivers (Father Mother Sister Brother) aalglatter Ex-Polizist Gary in James Grays Vorstadt-Krimi über beider gefährliche Geschäftspartner mit einer Spur zu viel Selbstüberzeugung. Selbige kommt ihn und seinen jüngeren Bruder Irwin Pearl (Miles Teller, The Gorgeteuer zu stehen, als ein unüberlegter Schritt sie beide und Irwins Familie ins Visier der russischen Mafia rückt. Die unheilvolle Szene wirkt programmatisch für die unebene Mischung aus Familiendrama und Gangster-Thriller, die in Cannes Wettbewerb Premiere feiert. Nicht nur aufgrund ihrer Evokation der zentralen Motive von Bruderschaft und des Titels.

Jener wird zum unbeabsichtigten Verweis auf die dramaturgischen Schwächen des persönlichen Plots, dessen Milieu und Handlungsära an Grays filmischen Vorgänger Armageddon Time (Ad Astra - Zu den Sternenanknüpft. Die in den 80ern angelegte Handlung zentriert erneut eine jüdische Mittelstandsfamilie im suburbanen New York, dessen Reduktion moderner Requisiten und altmodische Kostüme den atmosphärischen Touch Neo-Noir verstärkt. Ein lukrativer Deal mit den Russen, die eine Abwasser-Kläranlage am Kanal betreiben, wird zur Schlinge um beider Hals, nachdem Irwin mit seinen jugendlichen Söhnen Scott (Gavin Goudey) und Benjamin (Roman Engel, Centaurworld) einen nächtlichen Arbeitsplatzbesuch einlegt. 

Die aberwitzige Aktion ist eine mehrerer unglaubwürdiger Wendung einer Story, die wie eine notdürftige Union zweier halbgarer Projekte wirkt. Auf der einen Seite der klassische Crime-Thriller um Gary, der seinen Status bei seinen ehemaligen Kollegen und kriminellen Businesspartner fatal überschätzt. Auf der anderen Seite die bürgerliche Tragödie um den Zerfall der konservativen Kernfamilie. Wie dekoratives Accessoire darin erscheint Scarlett Johansson (The Batman Part II) als Irwins Ehefrau Hester, die ihr eigenes triviales Todesurteil erhält. Ihr Schicksal bleibt banaler Ballast des pathetischen Männer-Dramas, dessen latenter Sexismus das repressive Familienbild spiegelt.

Blutsbande sind stärker als berufliche und gesetzliche Loyalität oder ethische Integrität in dem rauen Szenario, das seine paranoiden Genre-Akzente und schleichende Suspense zu sparsam einsetzt. Zwei beunruhigende Nachtszenen am Kanal, wo nicht nur Abwasser bereinigt wird, und in Irwins Heim, bringen das Geschehen an Abgründe albtraumhafter Angst, die in formaler Konvention versickern. Psychosoziale Parallelen werden verspätet überbetont in einem vergeblichen Versuch, dem patriarchalischen Ehrenkodex emotionale Substanz zu geben. Joaquin Baca Asays kontrollierte Kamera und Christopher Spelmans unheilvolles Score besiegeln den Gestus eines fade formalistischen Fatalismus.

Fazit

Solide Darstellungen mit überdurchschnittlichen Nuancen von Johansson und Driver, ein stimmungsvoller Soundtrack und realistisches Retro-Produktionsdesign, das eine verblasste Zukunft evoziert, verleihen James Grays Kriminalstück den austauschbaren Abglanz handwerklicher Kompetenz. Szenen abrupter Gewalt und gespenstischer Verunsicherung deuten an ein dramatisches Potenzial, das die konforme Story zugunsten narrativen Narzissmus und stilistischer Schemata ignoriert. Das überkonstruierte Szenario erreicht so letztlich weder die Spannung noch Dramatik, die es so verkrampft verfolgt. Rigide Gender-Bilder und Moralkonzepte stilisiert patriarchalischer Pathos zum familiären Fundament eines gemeinschaftlichen Zusammenhalts, der Xenophobie und Chauvinismus beiläufig legitimiert.  

Autor: Lida Bach
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