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Quelle: themoviedb.org

Inhalt

Auf der Suche nach Stoff für ihren nächsten Roman richtet Sylvie (Isabelle Huppert) ihren Blick auf das Leben der Nachbarn gegenüber und beginnt, deren Alltag aufmerksam zu beobachten. Die scheinbar gewöhnlichen Abläufe entwickeln sich dabei zu einer Quelle neuer Ideen. Mit der Unterstützung des jungen Adam (Adam Bessa), den sie für alltägliche Aufgaben engagiert, soll sich ihr Alltag strukturieren. Seine Anwesenheit bringt jedoch unerwartete Veränderungen mit sich.

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Quelle: themoviedb.org

Kritik

Nur die besten Filme können Realität in der Fiktion entdecken und Wahrhaftiges in einem Klischee erschließen, aber vielleicht nur die allergrößten Filme können Trugbilder in vermeintlicher Authentizität aufdecken. Asghar Farhadis (Nader und Simin – Eine Trennung) zweite französische Produktion Parallel Tales versucht sich explizit an beschriebener Dynamik durch das titelgebende Ineinanderlaufen zweier Erzählungen: einer innerfilmisch realen um die wachsende Obsession des Herumtreibers Adam (Adam Bessa) gegenüber seiner Nachbarin Nita (Virginie Efira, Benedetta) und einer fiktionalen rund um Anna (ebenfalls Efira), Pierre (Vincent Cassel, La Haine) und Christophe (Pierre Niney, Der Graf von Monte Christo) voller Affären und Intrigen. Letztere ist die neue Idee im Manuskript der zerzausten und verwahrlos lebenden Novellistin Sylvie (Isabelle Huppert, Elle), der das im Haus gegenüber arbeitende Dreiergespann als Inspiration dient. Leider gesellt sich dieses, an spielerischen Metaebenen angereicherte französische Who-is-who der Darstellerriege eher zu der Sorte Film, die Klischees und altbackene Motive für generelle Wahrheiten missversteht. Dies fängt schon bei der Charakterisierung der Schriftstellerin an: Ketten rauchend und mit zerzausten Haaren verwahrlost die stets adrett agierende, aber in einer völlig blassen Figur gefangene Huppert an ihrer Schreibmaschine. Ob man ihr Klischee-Manuskript jetzt für große Kunst halten soll, sei dahingestellt, denn in Farhadis Film scheint jede Grenze zwischen (Pseudo-)Tiefsinn und grenzenloser Banalität längst aufgehoben. Das Resultat ist eine unerträgliche, überlange Seifenoper. 

Zwar durchschaut man, was hier jetzt Fiktion und Realität ist, relativ schnell, denn Efiras wechselnde Haarfarbe und das entsättigte Color-Grading, welches endgültig die Grenze zum Fernsehfilm am Samstagnachmittag übertritt, tragen ihren Teil dazu bei. Aber egal, wo und wie die Handlung stattfindet, nahezu alle ihre Elemente und Figurenzeichnungen wirken banal. Wenn Sylvie zu Beginn von ihrer Inspiration erzählt und im schwelgenden Voice-Over die Observation von Nita (Efiras reales Alter Ego) Revue passieren lässt, sehen wir besagte Frau beim Sammeln zweier Metallstangen neben einer Mülltonne. Auf derartige lachhafte Bilder insistiert das Drehbuch aus Farhadis und Massoumeh Lahidjis Feder permanent mit einem höheren Gewicht, sodass es schwerfällt, dieses bunte Treiben (längst geschlechtsreifer) in Pariser Großstädten für nur eine Sekunde ernst zu nehmen. Besagte Metallstangen brauch Nita für ihre Arbeit im Tonstudio, denn ihr Partner Nicolas (Cassels Alter-Ego) und dessen Bruder Théo (Nineys Alter-Ego) synchronisieren in der gegenüberliegenden Wohnung Kinofilme. Was zunächst wie eine fruchtbare Möglichkeit wirkt, auditive und deskriptive Ästhetik miteinander zu kontrastieren, wird von Farhadi ignoriert. Vielmehr interessieren ihn die leidigen, frustrierten und niemals glaubhaft wirkenden Emotionen seiner Figuren, welche jedoch ebenfalls nur als Diener uninspirierter Thesen wirken. 

Trotz eines ständig im Raum stehenden Voyeurismus zeigt sich Parallel Tales genauso desinteressiert an charakterlichen Grauzonen. Das Stichwort Adaption wirkt entscheidend: Es handelt sich bei diesem an Kitsch angereicherten Drehbuch um eine sehr wage Adaption von Krzystof Kieslowskis Ein kurzer Film über die Liebe. Während im Film des polnischen Meisters ein Schuljunge sich in seine erwachsene Nachbarin verliebt, entwickelt hier der bereits weit in seinen 20ern verweilende Adam eine Obsession gegenüber Nita. Schließlich überwacht er sie, stalkt sie und überreicht ihr schließlich Sylvies Manuskript als seine eigene Kreation. Hier knallen dann auch Fiktion und Realität aufeinander, zumindest scheint Farhadis Film Sylvies Schreiben für so bedeutungsvoll, wie er seinen Film zu halten, das auf einmal unterschwellige Dynamiken zwischen Liebespaar und dem Bruder als Anhängsel offenbart werden sollen. Innerhalb des Filmes wirkt dies jedoch nur wie zutiefst uninteressante Puppen, die mit ihrer eigenen Banalität konfrontiert werden. Wie wenig diese angeblichen Menschen wirklich in diesem Großkontext bedeuten, zeigt sich an der Ignoranz des Filmes gegenüber seinem moralisch zutiefst verwerflichen Protagonisten Adam. Es wäre mehr als angebracht, in einem Plot in dem „nichts so ist wie es scheint“ eine Figur mit zweifelhafter Moralität einzubauen. Einem Großmeister wie Kieslowski gelang es, in der Figur des pubertierenden Teenagers eine zärtliche Tragik zu entdecken, doch Farhadis Film handelt nicht von einem Teenager, noch entdeckt sein Film irgendwas. Wie sehr hier Gut und Böse, Wahrheit und Lüge, Realität und Fiktion dann doch voneinander getrennt werden, lässt sich in Farhadis fehlgeleiteter Rechtfertigung seines Stalker-Charakters am besten exemplifizieren.

Fazit

Für einen so präzisen Beobachter zwischenmenschlicher Fiktionen wie Farhadi kann „Parallel Tales“ nur als unzumutbare Katastrophe bezeichnet werden. Statt einer permanent beschworenen Reflexion über den Übergang zwischen Wahrheit und Erfundenem malträtiert dieser nicht endende Kalenderspruch von einem Film sein Publikum mit bodenlos belanglosen Figuren und zwischenmenschlichem Desinteresse.

Kritik: Jakob Jurisch

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