5.2

MB-Kritik

Rosebush Pruning 2026

Drama, Thriller

5.2

Callum Turner
Riley Keough
Jamie Bell
Elle Fanning
Pamela Anderson
Tracy Letts
Lukas Gage
Elena Anaya
Lolo Herrero
Teo Jansen

Inhalt

In einer luxuriösen Villa unter der katalanischen Sonne leben die US-amerikanischen Geschwister Jack, Ed, Anna und Robert in Abgeschiedenheit und ererbtem Reichtum. Stets mit der neuesten Designerkleidung angetan suchen sie Liebe und Bestätigung vor allem untereinander. Den Forderungen ihres blinden Vaters gehen sie aus dem Weg.

Kritik

Familien seien wie Rosenbüsche, sinniert der Erzähler und Randbeobachter Edward (Callum Turner, Atropia) in Karim Aïnouz schriller Sex-Satire: “Rosebushes need pruning”. Das Gleiche gilt auch für Drehbücher wie Efthimis Filippous (Kinds of Kindness) loser Adaption von Marco Bellocchios 1965er satirischem Thriller Fists in the Pockets. Der für seine Zusammenarbeit mit Yorgos Lanthimos bekannte Autor imaginiert den perfiden Plot um die dekadenten Erben einer steinreichen italienischen Sippe als psychopathologisches Panorama der Paraphilien. Neben jenen sind die fatalen Intrigen des Geschwister-Quartetts im Zentrum der bewusst reißerischen Saga um Mode, Mordgedanken und Manipulation nur dekoratives Beiwerk. 

Nonchalant und narzisstisch etabliert Edward die Konstellation und Charakteristika seiner Familie, die mit ihren enormen Geldquellen aus den USA nach Spanien umgesiedelt sind. Tracy Letts (A House of Dynamite) präsidiert als perverser Patriarch, den das buchstäblich blendend weiße Lächeln seiner Gattin (Pamela Anderson, Die nackte Kanone) das Augenlicht gekostet hat, über seinen an Epilepsie leidenden Jüngsten Robert (Lukas Gage, People We Meet on Vacation), Tochter Anna (Riley Keough, Hurry Up Tomorrow) und den ältesten Jack (Jamie Bell, All of Us Strangers), nach dem sich alle ausgenommen Edward verzehren. Jacks Beziehung zur bourgeoisen Martha (Elle Fanning, Die Tribute von Panem: Der Tag bricht an) lässt die inzestuösen Intentionen blutige Blüten treiben.

Die exaltierten Eigenschaften Aïnouz vergleichbar fetisch-fixierten letzten Werks Motel Destino vereint der brasilianisch-algerische Filmemacher erneut zu einer visuell und narrativ gleichsam Pop-Provokation: plakative Sexszenen, Körpersubstanzen Kinks mit maximalem Ekel-Faktor, selbstzweckhafte Tabu-Brüche, eine expressive Farbdramaturgie sowie irritierende queerphobe Tendenzen. In dem lasziven Szenario, das elterlichen Missbrauch als eine weitere Pointe behandelt und neurologische Erkrankungen implizit mit Degeneration gleichsetzt, erscheint gleichgeschlechtliche Anziehung als tödliches Vergehen. Slow-mo Szenen untermalt von Matthew Herberts kongenialem Soundtrack, der von griechischen Schlagern bis zu Hedonismus Hymnen der Pet Shop Boys reicht, zelebrieren heteronormative Triumphe. 

Diese zynische Bigotterie in einer scheintoleranten Story, die den gewaltsamen Tod queerer Charaktere als ein weiteres lustvolles Spektakel betrachtet, konterkariert das amoralische Air. Jenes entpuppt sich als kommerzielles Kalkül der unverhohlen voyeuristischen Inszenierung, die hinter dem gleichgültigen Gestus einen ironischen Blick auf Klassenkonstrukte wirft. Die Mittelschicht wird zum taktischen Sieger in einem absurden Kampf, in dem eine egomanische Elite sich selbst dezimiert. Der moralistische Subtext verrät die paradoxe Prüderie der süffisanten Kritik an einem obszönen Materialismus, der innere Leere nicht ausgleichen kann.

Fazit

Zwölf Jahre nach "Future Beach" kehrt Karim Aïnouz zurück in den Wettbewerb der Berlinale mit einer Kink-Crime-Comedy von perplexer Doppelmoral. Die geschliffene Inszenierung ist vernarrt in die luxuriösen Oberflächen, deren seelenlose Sinnlosigkeit sie vorführt. Ableistische Untertöne definieren körperliche Einschränkungen und Krankheit als Symptom dysfunktionaler Beziehungen. Aggressive Farbigkeit und überbelichtete Settings kontrastieren mit der mentalen Abstumpfung der Charaktere. Deren prominente Darstellende sind metatextueller Teil der Fixierung des Figuren-Ensembles auf große Namen. Ein karikatureskes Kaleidoskop privilegierten Verfalls, das selbst den elitären Ennui ausstrahlt, den es verhöhnt. 

Autor: Lida Bach
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