Nach Rehragout Rendezvous schien die Zukunft der Eberhofer-Reihe plötzlich offen. Autorin Rita Falk machte damals keinen Hehl daraus, mit der Verfilmung unzufrieden zu sein – eine ungewöhnlich deutliche Kritik, die Spekulationen über das Ende der erfolgreichen Kinoreihe auslöste. Dass Steckerlfischfiasko nun doch den Weg auf die Leinwand findet, ist deshalb mehr als nur die Fortsetzung eines Publikumslieblings. Es ist auch der Versuch, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Gelingen will das allerdings nur bedingt.
Zwischen Dorfidylle und liebenswertem Wahnsinn
Seit jeher lebt die Reihe von einer Stärke, die mit klassischen Krimis wenig zu tun hat. Niederkaltenkirchen ist ein Ort, den man sofort versteht, obwohl es ihn in dieser Form eigentlich gar nicht geben dürfte. Hier kennt jeder jeden, der Stammtisch ist wichtiger als jede Behörde und jede Figur wirkt, als hätte man ihr reales Vorbild schon einmal irgendwo getroffen. Gleichzeitig ist dieses Dorf längst ein herrliches Absurdistan geworden. Golfplatz, Freibad, Volksfestclans, skurrile Originale und immer neue Schauplätze machen aus Niederkaltenkirchen keine glaubwürdige bayerische Gemeinde mehr, sondern eine eigene kleine Parallelwelt. Das Erstaunliche daran: Sie fühlt sich trotzdem nahbar an. Gerade dieser Spagat aus Bodenständigkeit und liebevoller Überzeichnung war immer das eigentliche Erfolgsrezept der Reihe.
Umso deutlicher fällt auf, dass Steckerlfischfiasko diese Welt diesmal nicht mehr so selbstverständlich trägt. Der Film, wieder inszeniert von Ed Herzog, möchte möglichst jeder bekannten Figur einen Auftritt spendieren und verliert dabei ausgerechnet das aus den Augen, was frühere Teile ausgezeichnet hat: den natürlichen Fluss zwischen Humor, Figuren und Handlung. Viele Szenen wirken weniger wie organische Bestandteile der Geschichte als wie Pflichttermine mit alten Bekannten. Das sorgt zwar immer wieder für ein wohliges Wiedersehen, entwickelt aber selten echte Dynamik.
Der Krimi war nie die Hauptsache – diesmal wird das zum Problem
Natürlich waren die Eberhofer-Filme noch nie große Kriminalfilme. Wer hier raffinierte Ermittlungen oder überraschende Täterenthüllungen erwartet, war schon immer an der falschen Adresse. Die Mordfälle dienten meist nur als Gerüst, an dem sich die eigentlichen Geschichten entlanghangelten. Solange die Figuren harmonierten und die Dialoge saßen, spielte das kaum eine Rolle.
Genau hier liegt jedoch der entscheidende Unterschied zum zehnten Film. Weil viele Nebenhandlungen erstaunlich beliebig nebeneinanderstehen und sich der Humor häufiger wiederholt als weiterentwickelt, rückt der Kriminalfall zwangsläufig stärker in den Fokus – und offenbart seine Schwächen. Die Ermittlungen plätschern über weite Strecken vor sich hin, die Auflösung kommt ohne große Wirkung und hinterlässt kaum mehr als ein Achselzucken. Zum ersten Mal entsteht der Eindruck, dass die Reihe ihre bewährte Formel nicht mehr allein durch ihren Charme zusammenhalten kann.
Das heißt allerdings nicht, dass der Film keine gelungenen Momente hätte. Immer dann, wenn er seinen Figuren vertraut, blitzt die alte Stärke wieder auf. Vor allem die Hauptdarsteller tragen den Film mit einer Selbstverständlichkeit, die man sich nach zehn gemeinsamen Leinwandjahren erst einmal erarbeiten muss. Zwischen Franz Eberhofer und Rudi Birkenberger stimmt die Chemie nach wie vor, selbst wenn ihre gemeinsamen Szenen diesmal nicht mehr ganz die Leichtigkeit früherer Filme erreichen.
Sebastian Bezzel spielt den wortkargen Dorfpolizisten erneut mit genau jener Mischung aus Sturheit und unterschwelliger Herzlichkeit, die die Figur so sympathisch macht. Simon Schwarz verleiht Birkenberger trotz der etwas überstrapazierten Running Gags weiterhin eine angenehm tragikomische Note. Auch Lisa Maria Potthoff nutzt ihre Szenen, um Susi mehr Eigenständigkeit zu verleihen, selbst wenn der Film aus diesem Konflikt letztlich zu wenig macht. Dafür bleibt Eberhofer Senior (Eisi Gulp) wie eigentlich immer ein echter Szenendieb, wenn er wieder Urigkeit mit Antipathie gegen die Bourgeoisie vermengt.
Ein gemütliches Wiedersehen ohne neue Impulse
Steckerlfischfiasko scheitert nicht daran, dass er etwas grundlegend falsch macht. Er scheitert vielmehr daran, dass er fast nichts mehr wagt. Viele Gags erinnern an bessere Momente früherer Filme, zahlreiche Nebenfiguren absolvieren routiniert ihre Auftritte und die Geschichte bewegt sich fast ausschließlich innerhalb bekannter Muster. Das reicht noch immer für einen unterhaltsamen Abend mit liebgewonnenen Figuren. Für echte Begeisterung genügt es jedoch nicht mehr.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis des zehnten Eberhofer-Films: Selbst die gemütlichste Komfortzone braucht hin und wieder frischen Wind. Niederkaltenkirchen bleibt ein Ort, an den man gerne zurückkehrt. Doch diesmal verlässt man ihn mit dem Gefühl, dass die Reihe dringend wieder etwas Neues über sich selbst erzählen muss.