Inhalt
Nachdem die 17-jährige Ivy den Krebs besiegt hat, kann sie sich nichts Schlimmeres vorstellen, als zu einem „Make-A-Wish-Kind“ zu werden. Als ihre Eltern sie in ein Sommerlager für von Krebs betroffene Jugendliche schicken, fällt es Ivy schwer, sich dort an die Regeln zu gewöhnen. Doch im Laufe der Zeit schließt sie innerhalb der Gruppe von Außenseiter*innen unerwartete Freundschaften – und erlebt im „Chemo Camp“ einen Sommer, den sie nie vergessen wird.
Kritik
Die exzellente Darstellerriege George Jaques (The Serpent Queen) zweitem Spielfilm als Regisseur und deren queerer Vibe sind zusammengenommen ein guter Maßstab für den faden Konformismus und den krampfigen Konservativismus der tragikomischen Teenie-Romanze. Deren Prämisse liest sich wie ein Remake von The Fault in Our Stars nach einer Sichtung von Crip Camp. Das Resultat wäre ideales Material für einen der Gags, den die jungen Krebspatient*innen im Mittelpunkt der vorhersehbaren Story über die Krankheit und die damit verbundenen Klischees reißen. Allerdings ohne Pointe.
Die 17-jährige Ivy (Bella Ramsey, Glennkill: Ein Schafskrimi), die sich seit zehn Monaten von Krebstherapie erholt, verbringt auf Drängen ihrer Eltern (Jessica Gunning, The Magic Faraway Tree, und James Norton, House of Guinness) vier Wochen in Ferienlager für junge Krebspatient*innen. Ihr anfänglicher Missmut über die aufdringliche Gute-Laune und Therapie-Angebote von Lagerleiter und Gründer Patrick (Neil Patrick Harris, Dexter: Wiedererwachen) wandeln sich langsam, als sie Pretty Boy Lager-Stammgast Jake (Daniel Quinn-Toye, Pressure) kennenlernt. Wie es weitergeht, kann sich jeder mit minimaler Teenie-Schnulzen-Erfahrung denken, und Drehbuchautor Jaques hat keine Ambitionen, das Publikum zu überraschen.
Das wäre verzeihlich, würde der Plot das generische Grundschema unterhaltsam variieren und eine erfrischende Inszenierung mitbringe. Doch vom penetranten Theme-Song „I don‘t feel like dancing“ bis zum abschließenden Tearjerker-Twist ist der verlogene Feel Good Ferienfilm ein ermüdendes bis ärgerliches Konglomerat verklärten Reaktionismus, problematischer Implikationen, normalisierten Klassismus und verkappter Bigotterie. Jene beginnt schon damit, dass im Camp abgesehen von ein paar Tabletten zum Frühstück keine Spur gesundheitlicher Beeinträchtigung wahrnehmbar ist. Krankheit bleibt ein fernes Abstraktum. Das Gleiche gilt für Queerness.
Ivys gleichaltrige Camp-Mitbewohnerin Ella (Ruby Stokes, Jay Kelly) beschreibt sich als pansexuell, verfolgt aber mit straighter Begierde den wesentlich älteren Trainer Tristan (Louis Gaunt). Dass minderjährige Mädchen angeblich auf ältere Typen stehen würden, ist eine implizite Rechtfertigung sexueller Übergriffe, die Jaques augenscheinlich akzeptabler findet als queere Beziehungen. Davon gibt es keine einzige. Sämtliche queeren Cast-Mitglieder spielen straight und Harris, der natürlich seine sentimentale Schauspiel-Szene kriegt, versichert mit einer überflüssigen Erwähnung seiner Gattin seine Heteronormativität. Der tolerante Gestus Patricks und Ivys Eltern liegt idealisierter Autoritarismus.
Mehrfach werden die Kids zu ihrem Glück quasi gezwungen. Ivy und ihre Camp-Clique lehnen eine Aktivität ab, werden dazu gedrängt und finden sie dann super. Denn was könnte an Psychotherapie morgens früh um acht, Mini Playback Show und alkoholfreiem Disco-Abend nicht toll sein? Die biedere Handlung zelebriert den Spaß, den Ivy mit Ella, Jake und ihrer eindimensionalen Rest-Clique Emo Ralph (Earl Cave, The Chronology of Water) Esoterikerin Maisie (Jasmine Elcock); and nerdy Archie (Conrad Khan, The burning girls) wiederfindet. Die fundierte Kritik an Psychotherapie und Chemotherapie wird gänzlich ausgeblendet.
Ebenso ignoriert wird die finanzielle Frage. Zahlt die NHS vier Wochen Camp? Menschen unterhalb der begüterten Mittelschicht erscheinen nur einmal als gemeine Aggressoren. Ableismus existiert zum Glück in der heilen Mittelklassewelt nicht. Dort regieren zum Pop-Soundtrack entweder Gute Laune oder Sentimentalität. Statt Empathie aus ausgearbeiteten Konflikten, Realismus und Charakterentwicklung zu schöpfen, setzt das zuckerige Szenario auf emotionale Manipulation. So gut das Ensemble, insbesondere Jessica Gunning und Ella Ramsey, sind, so klebrig-süßlich, altbacken und derivativ ist die Story, in der sie feststecken.
Fazit
Bei der Aufführung im Generation Programm der Berlinale, wo Georges Jaques Teenie-Comedy Weltpremiere feierte, schien der mainstreamige Mix aus Romantik-Klischees, Rührseligkeit und repetitiven Witzen ein Publikumserfolg. Immerhin Ramsey ist gewohnt überzeugend und trägt mit ihrer sympathischen Präsenz das kalkulierte Produkt. Dessen konservative Narrative negieren die psychischen, physischen, materiellen und sozialen Belastungen schwerer Erkrankungen zugunsten zwanghafter Positivismus. Glatte Hochglanz-Aufnahmen, austauschbare Kulissen und stereotype Charaktere, abgesehen von dem Hauptfiguren-Pärchen und Harris auf eine Eigenschaft reduziert, machen den filmischen Aufenthalt im „Chemo-Camp“ so spaßbefreit wie die Bezeichnung.
Autor: Lida Bach