7.5

MB-Kritik

Ach, blas mir doch mal einen Marsch 1969

Drama

7.5

Lisa Bourdon
Julia Ames
Marie Delmonde
Jean Lamee
Steve White
Ann Heath
Jacque Sette
Lawrence J. Aberwood
Roy Collodi
Herschell Gordon Lewis

Inhalt

Die 16-jährige Marie stolpert über das Liebesspiel ihrer Eltern, was ihre latente Sexualität erweckt. Sie beginnt eine heiße Affäre mit ihrem dritten Cousin Philip. Ihre Eltern gehen ahnungslos ihren eigenen illegalen Angelegenheiten nach, während ihre Tochter sich tiefer in ihre eigenen sexuellen Experimente vertieft. Als der Schulleiter die Barkers darauf aufmerksam macht, dass ihre Tochter den Unterricht schwänzt, versuchen sie ihrer Tochter zu helfen

Kritik

Nachdem er mit seinen blutgetränkten Splatter-Exzessen wie Blood Feast (1963) oder Two Thousand Maniacs! (1964)  ein ganzes Subgenre begründet und sich damit eine treue Fangemeinde gesichert hatte, wandte sich Herschell Gordon Lewis Ende der 1960er-Jahre auch einem anderen Feld der Exploitation zu: den sogenannten „Nudie Cuties“. Diese meist harmlos-naiven Softsex-Filme entstanden vor der New-Hollywood-Ära und präsentierten Nacktheit unter dem Deckmantel augenzwinkernder Aufklärung oder leichtfüßiger Komödie. Explizite Sexualakte blieben aus, stattdessen dominierten unbekleidete Körper, biedere Moralpredigten und ein Hauch von Boulevard-Theater.

Erwachte weibliche Sexualität = Nymphomanie

In diese Kategorie fällt auch The Alley Tramp (1968), der es überraschend schnell – nur rund ein Jahr nach US-Start – in bundesdeutsche Bahnhofskinos unter dem Titel Ach, blas mir doch mal einen Marsch schaffte. Dort konnten neugierige Westdeutsche miterleben, wie die 16-jährige Marie (Julia Ames) ihre Eltern (Jean Lamee und ) beim Liebesspiel beobachtet, daraufhin selbst „erwacht“ und schließlich sogar ihrer Mutter den Liebhaber (Roy Collodi) ausspannt. Das Resultat: eine angebliche Nymphomanie, inszeniert als warnendes Lehrstück über weibliches Begehren.

Bereits die Entstehungsgeschichte deutet an, wohin die Reise geht. Lewis drehte den Film in nur zwei Tagen. Und ja, das sieht man. Die Schauplätze wirken karg, Requisiten scheinen zufällig platziert. Details bleiben unbeachtet, Schnitte sind grob ungelenk, Abblenden ziehen sich seltsam in die Länge usw. Solche Aspekte sind symptomatisch für eine Produktion, die mehr Improvisation als Planung erkennen lässt.

In der Originalfassung gerät das Ganze zu einer zähen Angelegenheit. Zwischen moralinsaurem Kommentar und steif inszenierten Schlafzimmermomenten herrscht lähmende Monotonie. Die nackte Haut – überwiegend in missionarischer Pose – mochte im Erscheinungsjahr für nervöses Kichern gesorgt haben; heute würde man die rückständige Darstellung weiblicher Sexualität wohl eher kritisch einordnen. Dramaturgisch bleibt das Werk unerquicklich, inszenatorisch spröde.

Danke Deutschland! - Die Synchro macht den Film zum Happening

Doch dann kommt die deutsche Fassung ins Spiel – und mit ihr eine Metamorphose, die man kaum für möglich hält. Noch bevor Rainer Brandt mit seinen Schnodder-Synchronisationen italienische B-Filme in anarchische Comedy verwandelte, entschied sich der hiesige Verleih offenbar zu einer sehr freien Übersetzung. Ob aus Kalkül oder aus Versehen, bleibt Spekulation. Fest steht: Das Ergebnis ist Gold wert.

Die dünne Handlung bleibt zwar erhalten – Tochter und Mutter räkeln sich weiterhin abwechselnd vor der Kamera –, doch der Tonfall kippt ins Groteske. Plötzlich sprechen Maries Eltern im breitesten Dialekt, während der Liebhaber akustisch kaum zu verstehen ist. Sprachliche Kuriositäten wie „Zuckerhäsle“ oder die resolute Aufforderung zum Beischlaf „Jetzt geh’ ma schaffe’!“ verwandeln biedere Bettgeflüster in unfreiwillige Stand-up-Comedy. Auch musikalisch schlägt die deutsche Version Kapriolen. Wo man vielleicht sinnlichen Jazz erwarten würde, erklingen Dudelsack-Klänge, die jede intime Szene in ein absurdes Spektakel verwandeln. Diese bewusste oder unbewusste Fehlakzentuierung hebt das Material auf eine neue Ebene: Aus braver Erotik wird hemmungsloser Klamauk.

Natürlich bleibt The Alley Tramp formal billig, moralisch fragwürdig und in vielerlei Hinsicht talentfrei. Kameraarbeit, Dramaturgie und Schauspiel erreichen kaum Amateurtheaterniveau. Doch genau in dieser Unzulänglichkeit liegt der Reiz – zumindest in der synchronisierten Variante. Die Diskrepanz zwischen prüder US-Inszenierung und deutscher Sprachakrobatik erzeugt einen Unterhaltungswert, der den Film weit über sein ursprüngliches Niveau hinauskatapultiert. Was als schläfriges Exploitation-Produkt begann, avanciert so dank der Bundesrepublik zum kuriosen Spaß. Leider zu unbekannt für echten Kultstatus, aber für jeden einen Blick wert, der ein Herz für echten Trash hat. Als ernstzunehmender Film eine Desaster, als Happening eine Wucht.

Fazit

Eigentlich mehr ein Versagenszustand als ein echter Film, als deutsche Synchron-Kuriosität jedoch ein wahres Fest. Billig, fragwürdig und voller Brüche – aber in der hiesigen Fassung ein herrlich schräges Trash-Vergnügen mit erstaunlichem Unterhaltungswert.

Autor: Sebastian Groß
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