Inhalt
In Miguel Burnier, einer verlassenen kleinen Ortschaft im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais, versuchen einige wenige verbliebene Menschen zu überleben, nachdem ihr Land 2005 von einem Bergbaugiganten aufgekauft wurde. Geplagt von Arbeitslosigkeit, Isolation und Alkoholismus, geben sie ihr Bestes, um ihre Gemeinschaft zusammenzuhalten und diesem Dorf, in dem die Welt zusammengebrochen zu sein scheint, neues Leben einzuhauchen.
Kritik
Bevor Gerdau herkam, hatte er jede Menge Geld verdient, berichtet einer der letzten verbliebenen Einwohnenden des titelgebenden Distrikts. Dessen sozialstrukturelle und wirtschaftliche Entwicklung steht im Zentrum João Dumans‘ demaskierenden Dokuments, das über einen Zeitraum von sechs Jahren die verheerenden Auswirkungen ökologischer und ökonomischer Ausbeutung einfängt. Seit der Übernahme der Region durch den brasilianischen Konzerngiganten hat er keinerlei Einkünfte mehr, berichtet der Mann, bevor er der Kamera den Rücken kehrt: „Gerdau hat hier alles kaputt gemacht.“
„Wenn ich darüber sprechen, kommen mir die Tränen.“, sagt er. Das Gefühl ist verständlich. Der Anblick der heruntergekommenen Gemeinde in dem südöstlichen Minas Gerais führt bedrückend vor Augen, was er meint. Von der lebhaften Ortsgemeinschaft, an die Bilder einer Feier in 2011 erinnern, sind nur triste Überreste geblieben. Die von verfallenden Häusern gesäumte Straßen erwecken den Eindruck einer Geisterstadt. Zu einer solchen wurde der kleine Ort fast, nachdem der Großkonzern 2005 nahezu das gesamte Gebiet aufgekauft hatte.
Über 90 Prozent der Bevölkerung sind seitdem abgewandert, die meisten aufgrund von Arbeitslosigkeit und Armut. Lokale Arbeitskräfte will das örtliche Stahlwerk des größten Erzeugers von Langstahl in den Amerikas angeblich nicht einstellen. Diese Darstellung steht in direktem Widerspruch zu den Selbstdarstellungen des Konzerns als motiviert von Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung. CEO Gustavo Werneck bekräftigte in einem Wirtschaftsartikel von 2023 Gerdaus „commitment to the socioeconomic development of Minas Gerais, renewing its ties with the population of Minas Gerais“.
Mehr als 5000 Arbeitsplätze habe der Konzern in dem Bundesstaat geschaffen. An die Menschen in Miguel Burnier sind jene Jobs jedenfalls nicht gegangen. Das Schicksal des Ortes, dessen Bewohnende ihre Heimat mittels Eigeninitiative zurückzugewinnen versuchen, zeigt exemplarisch die destruktive Taktik eines invasiven Imperialismus. Ruhige Alltagsbeobachtungen und der Austausch mit den Betroffenen, die zwischen Widerstandsgeist und Resignation schwanken, nehmen die gelebte Realität als Zeugnis. Aufnahmen bröckelnder Gemäuer symbolisieren den sozialen Zerfall als unvermeidliche Folge kapitalistischer Korrosion.
Fazit
In die düsteren Szenen struktureller und zwischenmenschlicher Desintegration João Dumans enthüllenden Lokalporträts bringen selbst die raren Momente flüchtiger Freude keinen Hoffnungsschimmer. Mit latenter Wucht zeigt das dringliche Dokumentarkino, das im Wettbewerb von Visions du Réel seine Weltpremiere feiert, die regionalen Folgen des globalen Musters geologischer und gesellschaftlicher Extraktion.
Autor: Lida Bach