MB-Kritik

The Price of the Sun 2026

Inhalt

Als in der Wüste ein riesiger Solarpark gebaut wird, der die Landschaft zusehends verändert, sieht sich ein nomadischer Berberstamm gezwungen, seine jahrhundertealte Lebensweise aufzugeben. Jérôme le Maire zeigt hier die versteckten Kosten des Fortschritts auf und erzählt von der Zähigkeit und Anpassungsfähigkeit einer Gemeinschaft, die sich im Schatten der Energierevolution neu erfinden muss.

Kritik

Der Konflikt von Fortschritt und ursprünglichen Lebensweisen, der Jérôme Le Mair (Burning Out) bereits in Le thé ou l'électricité beschäftigte, steht auch im Zentrum seiner observativen Studie einer Gemeinschaft im Zwiespalt globaler Technologisierung und lokaler Traditionen. Epische Landschaftspanoramen und vertrauliche Familienszenen unterstreichen die Diskrepanz zwischen individuellen Bedürfnissen und internationalen Innovationen in einer politisch und soziologisch gleichsam ambivalenten Dokumentation. Darin erscheint kommunale Entwurzelung als Preis erneuerbarer Energien, den ausgerechnet jene zahlen müssen, die mit der Natur scheinbar in Einklang leben. 

In den kargen Hochebenen des Atlas-Gebirges lebt ein nomadischer Berber-Klan in Einklang mit seinen Jahrhunderte alten Bräuchen. Durch subtile Selektion konstruieren die sozialen Szenen das Bild einer idealen Gemeinschaft im Einklang mit sich selbst und ihrer Umgebung. Patriarchalische Gesellschaftsstrukturen, archaische Rollenbilder und repressive Moralkodexe erscheinen als Teil einer zeitlosen Ordnung, deren klare Strukturen dem Chaos der urbanen Moderne vermeintlich überlegen sind. Das raue Idyll erschüttert der Bau eines weitreichenden Solarparks, der den steigenden Energiebedarf decken soll. 

Das Symbol einer ökologisch verantwortungsvollen Zukunft bedeutet für die Berber-Familien einen widerwilligen Wandel von Land und Lebensweisen. Technische und politische Dimensionen des Projekts werden ebenso ausgeblendet wie die Folgen umweltschädlicher Alternativen. Den gesamtgesellschaftlichen Nutzen, den jüngere Gemeinschaftsmitglieder gegenüber der skeptischen älteren Generation aufzählen, verblassen vor den ausführlichen Aufnahmen existenzieller Veränderung. Lange, statische Einstellungen auf Zäune, Gräben und Beton inszenieren die Energiewende als destruktive Transformation. Jene baut auf die Ruinen einer traditionellen Harmonie, überschattet vom Anklang westlicher Projektion. 

Fazit

Konservation und Konservativismus verschmelzen in Jérôme Le Maires melancholischen Dokumentarfilms. Zwischen essayistischer Reflexion und Sozialskizze hinterfragt dessen nostalgische Linse Notwendigkeit und Nutzen nachhaltiger Energien. Topographische Teilung spiegelt kommunalen Zerfall. Formale Reduktion und stilistische Zurückhaltung schaffen eine implizite Idealisierung tradierter Lebensweisen, die in einem von Fundamentalismus und Neo-Konservativismus geprägten Politklima zum verlorenen Paradies werden. Dessen Schattenseite übersieht die meditative Mahnung ebenso wie die Auswirkungen steigender Energiepreise. Die Vergangenheit wird zum sicheren Zufluchtsort vor einer ungewissen Zukunft. 

Autor: Lida Bach
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