Heutzutage ist Luca Guadagnino dank gefeierten Werken wie Call Me by Your Name, Suspiria oder Challengers – Rivalen ein waschechter Big Player im Filmgeschäft, aber natürlich hat auch er mal ganz klein angefangen. An und für sich völlig normal und dass es sich bei seinem ersten Spielfilm The Protagonists von 1999 um einen „experimentierfreudigen“ (nennen wir es bis hierhin mal so, der Ton wird gleich deutlich schärfer) Independent-Film handelt ist selbstverständlich kein Problem. Die Art und Weise dieses Machwerks – und als nichts anderes kann man das leider bezeichnen – ist jedoch derart geschmacks- und pietätlos, dass es einem nicht nur aus heutiger Sicht schier die Sprache verschlägt.
Stellen wir uns mal vor (inwieweit das überhaupt möglich ist, aber selbst ganz grob genügt diesbezüglich schon), du bist Mutter zweier Kleinkinder und erfährst eines Abends, dass dein Ehemann und deren liebender Vater in seinem eigenen Wagen brutal abgestochen wurde. Auf den ersten Blick ein Raubmord, hinterher stellt sich jedoch heraus, dass dieses grausame Verbrechen noch viel sinnloser war. Zwei Studenten aus gutem Hause erweisen sich knapp vier Wochen später als die Täter. Ihr Motiv: sie wollten einfach einen Mord begehen. Das Opfer war völlig willkürlich gewählt, es hätte jeden treffen können. Unvorstellbar, wie diese Familie darunter gelitten haben muss. Nun, fünf Jahre später, bittet eine Filmcrew um ein Interview, da sie den Fall cineastisch aufarbeiten will. Und da sitzt du als Witwe nun in deinem Wohnzimmer, wirst von Tilda Swinton (ja, tatsächlich diese Frau, die inzwischen zu den prominentesten Frauen im Business zählt) zu den damaligen Geschehnissen befragt und glaubst bestimmt, deinem verstorbenen Mann und Vater deiner Kinder wird ein gebührendes, respektvolles Denkmal gesetzt. Oder du brauchst schlicht und ergreifend Geld, was gar nicht verwerflich sein soll. Fraglich ist allerdings, ob es durch so eine Produktion überhaupt etwas zu holen gab. Vermutlich nicht… und dann siehst du Monate später diesen Film. Eine derart bodenlose und schamlos Frechheit sucht wirklich ihres Gleichen!
Völlig selbstbesoffen von dem ach so künstlerisch ambitionierten Vorhaben eine Mischung aus Dokumentation, Spielfilm und gleichzeitig Film-im-Film auf die Beine zu stellen, verrennen sich Guadagnino und seine Muse Swinton in ihrem „jugendlichen Leichtsinn“ (man darf es auch gerne prätentiösen Hochnäsigkeit nennen) in einem furchtbar lächerlichen und dadurch unfassbar ärgerlichen Amoklauf eines Pseudo-Arthaus-Festival-Darlings, bei dem einem nach einem tendenziell vielleicht noch interessant klingenden Vorlauf irgendwann nur noch entsetzt die Kinnlade herunterklappt. Wenn der reale Mordfall durch Gespräche mit Ermittlern, Gerichtsmedizinern und der besagten Witwe anfangs noch auf eine Art semi-dokumentarische Weise beleuchtet wird, wundert man sich eher über die aufgesetzt-krude Mixtur aus Realität, Script und der Verwendung cineastischer Mittel, wenn diese an gewissen Stellen wie absurde Fremdkörper wirken. Das ist sehr seltsam, erschreckend substanzlos und offenbart sich später auch noch als furchtbar respektlos (wie gesagt, hätten allen Beteiligten gewusst, für was ihr Material letztlich verwendet wird…), aber bis dahin kann man das vielleicht noch als misslungen, aber nicht unbedingt verwerflich durchgehen lassen.
Schier fassungslos wird man dann im weiteren Verlauf mit einem unbegreiflichen Part malträtiert, in dem die Crew praktisch das Geschehene „inszeniert“. Das erleben wir als Zuschauende aber nicht als klassisches Film-im-Film, sondern sehen irgendwann nur noch den „entstandenen“ Film. Das hat was von Laientheater-Gruppe nach einer durchzechten Nacht (mit Michelle Hunziger als junges Ich der Witwe, herzlichen Glückwunsch), selbst ein Hanau von Uwe Boll wirkte da authentischer und „respektvoller“ (das tut in dem Kontext echt weh). Da geht es nicht um eine Aufarbeitung des Falls, nicht um das Opfer, ja nicht einmal um die Täter. Das ist das platte Nachstellen eines realen Verbrechens, völlig aus dem Kontext gerupft und als reiner Selbstzweck, um sich aus komplett unverständlichen Gründen zu selbstbeweihräuchern, obwohl das Gezeigte einem eigentlich die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste. Hier wird ohne jedwede Berechtigung nur ein hanebüchenes Konzept gefeiert, bei dem man ehrlich gesagt nicht mehr begreifen kann, ob man darüber lachen darf oder nur noch weinen muss.