Inhalt
Im Mittelpunkt des Films steht eine junge Frau, die eine Nacht im „Virgil“ überstehen muss – dem geheimnisvollen Unterschlupf einer dämonischen Sekte, in dem auf Schritt und Tritt todbringende Gefahren lauern. Um nicht zum nächsten Opfer zu werden, muss sich die Protagonistin in einer ebenso kompromisslosen wie bildgewaltigen Schlacht voller spektakulärer Kills und rabenschwarzem Humor behaupten.
Kritik
Das Phänomen des Zwillingsfilms ist keineswegs neu. Immer wieder landen Produktionen mit auffallend ähnlichen Ideen nahezu zeitgleich im Kino – man denke etwa 1997 an Dante's Peak und Volcano oder 1998 an Armageddon und Deep Impact. Auch aktuell zeichnet sich eine solche Konstellation ab: Während mit Ready or Not 2 die Fortsetzung eines Überraschungserfolgs an den Start geht, tritt mit They Will Kill You ein scheinbar kleinerer, aber nicht minder selbstbewusster Genrebeitrag auf den Plan. Auf den ersten Blick mögen beide Werke ähnliche Zielgruppen bedienen, doch bereits nach wenigen Minuten wird klar, dass hier zwei sehr unterschiedliche kreative Ansätze aufeinandertreffen.
Zwei Filme, ein Trend: Warum "They Will Kill You" mehr ist als nur ein Zwillingsfilm
Regisseur Kirill Sokolov ist kein Unbekannter für Freund*innen kompromissloser Genreunterhaltung. Mit seinem Spielfilmdebüt Why Don't You Just Die! (2018) bewies der russische Filmemacher bereits ein bemerkenswertes Gespür für physische, handgemachte Action sowie eine Vorliebe für grotesk übersteigerte Gewalt, die stets einen augenzwinkernden Ton bewahrt. Vor allem zeigte sich damals seine Fähigkeit, kreative Lösungen innerhalb enger Produktionsgrenzen zu finden. Genau dieses Talent wird nun zum zentralen Motor seines ersten größeren Hollywood-Projekts.
Denn They Will Kill You ist, trotz sichtbar gestiegener Produktionsmittel, ein Film der Begrenzungen geblieben. Ein überschaubarer Cast, wenige Schauplätze und eine spürbar kontrollierte Budgetstruktur prägen das Werk von Beginn an. Doch anstatt diese Einschränkungen zu kaschieren, integriert Sokolov sie bewusst in seine Inszenierung. Gemeinsam mit Co-Autor Alex Litvak folgt das Drehbuch konsequent der Idee, dass Reduktion nicht Mangel bedeutet, sondern Konzentration. Die Handlung bleibt fokussiert, Konflikte werden direkt ausgespielt, und die Kamera sucht stets nach neuen Perspektiven innerhalb eines klar umrissenen Raums.
Weniger Schauplätze, mehr Einfallsreichtum: Die Inszenierung von Kiril Sokolov
Natürlich kommt auch They Will Kill You nicht ganz ohne erklärende Passagen aus. Figuren erhalten Hintergrundmomente, Motive werden erläutert, und gelegentlich verliert der Film dabei etwas an Tempo. Doch anders als bei vielen vergleichbaren Produktionen wirken diese ruhigeren Abschnitte nie wie bloße Pflichtübungen. Sie dienen vielmehr als kurze Atempausen, bevor der Film erneut in seinen herrlich absurden Tonfall zurückfindet.
Denn Sokolov umarmt den Wahnsinn seiner Geschichte mit sichtbarer Begeisterung. Blutfontänen schießen wie überdrehte Springbrunnen durch die Szenerie, physische Effekte dominieren das Geschehen, und selbst digitale Ergänzungen fügen sich überraschend harmonisch in den bewusst stilisierten Look ein. Der Film wirkt hochwertig fotografiert, verliert jedoch nie seine Lust am Splatter-Nonsens. Wenn hier sprichwörtlich „mit den Augen gerollt“ wird, erhält diese Redewendung eine ganz neue, wunderbar überzeichnete Dimension.
Gerade diese Balance aus handgemachter Action und cartoonhafter Übertreibung sorgt dafür, dass der Film trotz seines begrenzten Rahmens nie klein wirkt. Statt Größe zu simulieren, setzt Sokolov auf Energie, Rhythmus und visuelle Ideen. Viele Szenen leben weniger von spektakulären Sets als von präzisem Timing und überraschenden Bildkompositionen. Dadurch entsteht eine Dynamik, die das Geschehen konstant in Bewegung hält.
Zazie Beetz als Action-Hoffnung: Eine Hauptfigur mit Präsenz
Ein entscheidender Faktor für das Funktionieren des Films ist Hauptdarstellerin Zazie Beetz (Good Luck, Have Fun, Don't Die), die sich hier endgültig als Actiondarstellerin empfiehlt. Ihre Figur bewegt sich überzeugend zwischen schlagfertiger Kämpferin und genervter großer Schwester, wodurch sie dem Geschehen eine angenehm menschliche Erdung verleiht. Beetz spielt nicht unnahbar oder überhöht, sondern reagiert sichtbar auf das Chaos um sie herum – ein Ansatz, der die absurden Situationen noch unterhaltsamer macht.
Ihre Präsenz harmoniert hervorragend mit Sokolovs Inszenierungsstil. Der Regisseur findet immer wieder ungewöhnliche Blickwinkel, lässt Bewegungen abrupt eskalieren oder bewusst ins Leere laufen und erzeugt dadurch einen Humor, der aus der Situation selbst entsteht, statt sich auf selbstreferenzielle Kommentare zu verlassen. Besonders wohltuend ist dabei, dass der Film auf erzwungene Meta-Ebenen verzichtet. Der Witz entsteht aus Handlung und Timing, nicht aus ironischer Distanz.
Kurz, laut und überraschend souverän: Warum "They Will Kill You" überzeugt
Mit einer Laufzeit von knapp 90 Minuten bleibt They Will Kill You angenehm kompakt und versteht es, seine Ideen effizient auszuspielen. Nicht jede Szene trifft ins Schwarze, und gelegentliche Tempodellen verhindern, dass der Film durchgehend auf Höchstniveau operiert. Dennoch überwiegt der Eindruck eines selbstbewussten Genrewerks, das genau weiß, was es sein möchte.
Im direkten Vergleich mit Ready or Not (2019) dürfte das Sequel vermutlich das größere Publikum erreichen – allein schon durch Bekanntheitsgrad und Studio-Rückhalt. Doch wenn es um reine Inszenierungsfreude, kreative Actionmomente und ungebremste Unterhaltung geht, hat Sokolovs Film klar die Nase vorn. They Will Kill You ist kein perfektes Werk, aber eines mit Charakter, Energie und einem spürbaren Spaß am Filmemachen.
Fazit
Liebe auf die erste Blutfontäne: Regisseur Kiril Sokolov präsentiert einen kreativen, energiegeladenen Genre-Spaß und garniert ihn mit charmant-absurden Einfällen. Die wenigen Tempodellen fallen bei diesem selbstbewussten Splatter-Vergnügen kaum ins Gewicht, das vor allem durch Inszenierungsfreude, seinen Star Zazie Beetz und ausgeprägtes Stilgefühl überzeugt.
Autor: Sebastian Groß