MB-Kritik

The Tingbjerg Experiment 2026

Documentary

Inhalt

Was geschieht, wenn sich eine ausgewählte Gruppe junger, idealistischer Familien aus der Mittelschicht in einem Kopenhagener „Ghetto“ niederlässt, mit dem Traum, ein neues Viertel zu entwickeln?

Kritik

“Was passiert, wenn eine ausgesuchte Gruppe junger, idealistischer Mittelklasse-Familien sich in einem Kopenhagener “Ghetto” ansiedelt mit dem Traum, diese Nachbarschaft zu entwickeln?”, fragt die offizielle Synopsis s (Fat Front) selbstenthüllender Sozialskizze. Jene ist keine kritische Betrachtung, sondern wirkt mehr wie eine abendfüllende Reklame-Kampagne für das titelgebende Projekt und die privilegierten Protagonisten, die dafür in den Kopenhagener Randbezirk Tingbjerg ziehen. Die von Klassismus und Kolonialismus durchzogene Inhaltsangabe ist bedrückend passend für ein Werk, das bildungsbürgerliche Bigotterie praktiziert, institutionalisierten Klassismus zelebriert und Gentrifizierung als gemeinschaftliches Engagement hinstellt.

Die Problematik der parteiischen Perspektive impliziert bereits deren affirmative Vorstellung der großangelegte städtischen Initiative, die das als unsicher, kriminell und trist beschrieben Viertel wieder in eine attraktive Wohngegend zu verwandeln. Als solche war die von Architekt Steer Eiler Rasmussen 1950 bis 1972 errichtete Wohnanlage geplant. Doch Sozialwohnungen, städtische Vernachlässigung und eine hohe Anzahl Anwohnender mit migrantischen Wurzeln verschafften dem als grüne, ruhige Alternative zur Kopenhagener Innenstadt gedachten Gegend einen schlechten Ruf. Ob dieser gerechtfertigt ist, beschäftigt die Regisseurin ebensowenig wie die Bedürfnisse der angestammten Menschen. 

Sie blicken skeptisch auf das Unterfangen, für das brandneue Luxuswohnungen errichtet werden. Im gleichen Haus wie Sozialhilfeempfangende und Dänen mit migrantischen Wurzeln zu leben, ist offenbar unzumutbar für die nach Einkommen, Bildungsgrad, Herkunft und Hautfarbe ausgewählten Neuankömmlinge. Die verpflichten sich, mindestens vier Jahre in Tingbjerg wohnen zu bleiben. Dafür werden sie mit der enormen Wertsteigerung ihrer als städtisch gesponsertes Schnäppchen erworbenen Immobilien belohnt. Worin liegt der soziale Wert, die Reichen noch reicher zu machen? Warum fließen die Investitionen nicht direkt in das Viertel und an dessen Menschen?

Wenn man möchte, dass Reiche in einem armen Viertel leben, muss man nicht Millionen ausgeben, um sie dorthinzulocken. Man kann die Millionen einfach den Armen geben. Dann sind sie reich - und können Handwerksbäckereien, Coffee Shops und Kunstzentren eröffnen, wie die Neu-Tingbjerger. In ihren schicken neuen Eigenheimen berichten sie, wie die Begegnung mit einer nicht-weißen Familie sie verunsichert und registrieren erleichter, dass die befürchtete gestörte Sprachentwicklung ihres Nachwuchses durch die angestammten Tingbjerger Kinder ausbleibt. Die unilaterale Inszenierung zeigt die kaum verhohlenen Vorurteile als bewundernswerte Bereitschaft zu Toleranz. 

Fazit

Wenn in Louise Detlefsens missionaristischer Milieuschau die Kinder der Zugezogenen bei der Einschulung mit dänischen Flaggen umjubelt werden, oder Small Talk mit einer muslimischen Nachbarin als sozialstruktureller Triumph ausgestellt wird, sind die bourgeoisen Bias überdeutlich. Xenophobie, Rassismus und Islamophobie unterwandern das tendenziöse Manifest für Lobbyismus und Klassismus. Die Realität hat oft bewiesen, dass systemisch gesteuerte sogenannte „Revitalisierung“ prekärer Wohngegenden lokale Gemeinschaftsnetzwerke zerstört, sozialökonomische Ungleichheit verstärkt, geringer verdienende Anwohner*innen verdrängt. Tingbjerg scheint prädestiniert für diesen Weg, den die undifferenzierte Doku augenscheinlich begrüßt. Frei nach dem Motto: Make Tingbjerg great again. 

Autor: Lida Bach
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