MB-Kritik

Two Mountains Weighing Down My Chest 2026

Inhalt

Viv, eine Künstlerin aus Peking in ihren Dreissigern, ist seit einiger Zeit in der Berliner Queer-Szene unterwegs. Hin- und hergerissen zwischen Deutschland und China, wo ihre Familie sich fragt, ob ihre Tochter verrückt geworden ist, versucht die Filmemacherin, das Umfeld zu verstehen, in dem sie lebt, und das, aus dem sie stammt.

Kritik

Chaotisch, queer und konfrontativ blickt s dokumentarisches Langfilm-Debüt auf das turbulente Leben der Künstlerin und Filmemacherin zwischen Berlin und Beijing. Die beiden Hauptschauplätze der humorvollen Selbsterkundung, deren Fokus den kulturellen Eigenheiten und Unterschieden sowie deren autobiographischer Überschneidung gilt, fungieren zugleich als Pole des reflexiven Reiseberichts und Symbole zweier äußerlich kontrastierender sozialer Milieus. Das traditionsbewusste Heimatland ihrer chinesischen Familie bestimmen unausgesprochene Verpflichtungen und familiäre Erwartungen, die in Berlins kosmopoliter kreativer Szene auf den ersten Blick nicht existieren. 

Tatsächlich sind die sozialen Codes und Hierarchien natürlich auch in der trügerisch toleranten Hauptstadt-Szene präsent, nur verkappter und verleugneter. Das enthüllende die bruchstückhaften Konversationen beim Nacktbaden in Berlin oder einem nächtlichen Bier in Beijing. Bei diesen oft bruchstückhaft und ohne weitere Kontextualisierung eingegangenen Konversationen wirkt die Kamera wie eine zufällige Begegnung. Sie lauscht eine Weile und springt zum nächsten Ort, an dem die Regisseurin und Protagonistin gerade weilt. Ebenso abrupt wie die Ortswechsel sind die der Stimmung.

In einem Moment ist Li Gast auf einer opulenten chinesischen Hochzeit, ein andermal ist sie in einem überdimensionalen Regenbogenkostüm auf einer Berliner Party, die vielleicht auch eine kuriose Kunstaktion ist. Dort schafft ein Gespräch über beängstigende Nähe und paradoxe Empfindungen beim Sex ein emblematisches Symbol der emotionalen Kontraste. Zur Konstanten wird das unterschwellige Gefühl der Entfremdung von beiden Orten. Diese zwischenmenschliche Distanz und psychische Dissoziation in einer nur scheinbar verbundenen Welt bleibt als zartbitteres Fazit der introspektiven Collage. 

Fazit

Spielerische Leichtigkeit und amüsante Beobachtungen treffen auf psychologische Tiefe und sozialkritische Akzente in Viv Lis pointiertem Porträt ihrer Existenz zwischen zwei Kulturkreisen, Metropolen sowie Familien- und Freundeskreisen. Der poetische Titel verweist auf die innere Last dieser bilateralen Struktur, welche die dynamische Inszenierung mittels Assoziation, Ästhetik und Analogien verdichtet. Statische Einstellungen setzen einen ruhigen Kontrast zu den bisweilen verwirrenden Sprüngen in Chronologie und Raum. Unmittelbarkeit und affektive Empathie überwinden konventionelle Dramaturgie in der hintersinnigen Selbst- und Sozialstudie.

Autor: Lida Bach
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