Inhalt
Ein hochgewachsenes Teenager-Mädchen, hin- und hergerissen zwischen der Geborgenheit ihres Dorfes und dem Rampenlicht eines legendären Damen-Basketballteams, muss sich der Frage stellen, ob ihr außergewöhnlicher Körper ein Fluch oder ihr einziger Weg zur Zugehörigkeit ist.
Kritik
Verschwommene Kamera-Einstellungen geben den Bildern Viesturs Kairišs eigenwilligen Biopics die Aura verblasster Fotografien, während ein schemenhafter Schleier die schwarz-weißen Szenen wie zerfallende Fragmente eines Stummfilmes wirken lässt. Die charakteristische Ästethik, die der lettische Regisseur bereits in The Chronicles of Melanie einsetzt, wird unwillkürlich zum visuellen Gleichnis der biographischen Unschärfen des abstrahierten Porträts. Dessen Subjekt ist dem Titel nach die legendäre Basketballspielerin Uļjana Larionovna Semjonova, die in den 70ern und 80ern mit ihrem Team den Sport zu neuen Höhen führte.
Letztes buchstäblich. Mit einer Körpergröße von 2,13 Metern überragte Semjonova Männer und Frauen nicht nur auf dem Spielfeld um mindestens eine Kopfhöhe. Ihre Schuhe in Männergröße 58 waren Sonderanfertigungen. Sie verlor nie ein Spiel, gewann Gold in allen internationalen Sport-Events, war eines der Top-Talente der Sowjetunion und wurde als erste Nicht-Amerikanerin in die Women‘s Basketball Hall of Fame aufgenommen. Vor allem aber war sie eine Ikone des Frauensports, die bewies, dass Athletinnen mit Männern nicht nur mithalten können, sondern sie übertreffen.
Besonders der letzte Aspekt ist entscheidend. Kairišs‘ besetzt die Hauptrolle mit Co-Drehbuchautor Karlis Arnolds Avots (January). Er ist ebenfalls außergewöhnlich hochgewachsen, doch hat sonst keinerlei Ähnlichkeit mit der realen Person, deren Leistung aus Kairišs Sicht offenbar zu männlich für eine Schauspielerin ist. Die Anfang des Jahres verstorbene Semjonova selbst scheint von der Handlung ebenso entrückt wie ihre Lebensgeschichte. Bezeichnenderweise finden sich kaum Informationen über ihr Leben abseits des Sports, auf den sich die auf ihre Jugendjahre beschränkte Story denn auch konzentriert.
Aus dem bescheidenen Haus ihrer einer sektenartigen Gemeinde angehörenden Eltern holt sie ein sowjetischer Talent-Scout. Sie hat weder Sportkleidung noch eine Ahnung von Basketball, dass ein Trainer ihr von durchaus vermittelt werden muss (der Ball muss in den Korb). Ihre persönlichen Wünsche und Ziele bleiben ebenso unklar wie ihr Umgang mit der Akromegalie, die ihr Wachstum verursachte. Die schüchterne Protagonistin, die sich nur langsam mit ihren skeptischen Teamkameradinnen anfreundet, scheint nur im Sport zu existieren und doch wird eine Leidenschaft für das Spiel nie greifbar.
Ieva Jurjānes hervorragendes Produktionsdesign, das die Tristesse der sowjetischen Satellitenstaaten atmet, lässt die karnevaleske Maske umso deutlicher hervortreten. Avots wirkt nicht wie eine Frau, sondern wie ein verkleideter Mann. Als solcher ist seine Figur Inkarnation transphober Paranoia, die sich insbesondere im Sport auch gegen cis Frauen richtet, deren Erscheinung nicht patriarchalischen Konstrukten von Femininität entspricht. Intendiert oder ungewollt manifestiert sich aufgrund des Castings und dessen Umsetzung eine problematische Bestätigung transfeindlicher Narrative. Jene untergraben das stilisierte Sport-Drama, dessen atmosphärische Ästhetik eine unterentwickelte Dramaturgie verbirgt.
Sport als ideologisches Instrument innerhalb des Sowjetstaats, dessen (Ver)Formung und Verbrauch menschlicher Körper als National-Ressource, die sportlichen Spielregeln als Miniatur eines größeren Regelwerks und das sozialistische Dogma als Ersatz-Religion: All diese Faktoren übergeht Viesturs Kairišs schemenhaftes Athleten-Drama. Dessen suggestive Optik und stimmungsvolles Szenenbild schaffen eine dichte Zeitatmosphäre, die weder psychologische Überzeugungskraft, noch dramatische Substanz ausfüllen. Die fragwürdige Revision der Gender-Identität der Titelfigur impliziert, Frauen, die sexistische Erwartungshaltungen an weibliche Leistungsfähigkeit und Physis nicht erfüllten, müssten Männern sein. Im Leben nicht zu unvergessen, wird die reale Person unsichtbar gemacht durch ein konservatives kunsthandwerkliches Konstrukt.