Inhalt
Kurz vor dem Militär-Putsch in Chile im Jahr 1973 werden die CIA-Agenten Chris (John Malkovich) und Lee (Sam Rockwell) von ihrem Büroleiter MJ (Steve Buscemi) von Santiago auf die Osterinsel entsandt. Vor dem Hintergrund der ikonischen Skulpturen der Insel ringen die langjährigen Partner mit ihrer dunklen Vergangenheit und aktuellen Verschwörungen. Dabei droht Chris’ neu gefundene Freundschaft mit zwei rebellischen Studentinnen (Mariana di Girolamo und Ailín Salas) die Reise aller in dieses abgelegene Paradies völlig aus dem Ruder laufen zu lassen.
Kritik
Die kompromisslose Konfrontation der eigenen Vergangenheit, der verspätet Versuch, die Folgen der eigenen Fehler zu begleichen, und der Verlust von Illusionen auf beiden Seiten des Gender- und Generationen-Grabens: Martin McDonagh (The Banshees of Inisherin) befasst sich in seinem jüngsten Werk erneut mit Kernthemen, mit denen sich bereits seine preisgekrönten letzten beiden Werken beschäftigten. Dies allerdings auf deutlich persönlicherer und privaterer Ebene als die beklemmend zeitaktuellen Polit-Parallelen seins schwarzhumorigen Beritrags zum Wettbewerb der 83. Mostra. Deren Vorliebe für konsolidierten Konservativismus und revisionistische Romantik ist ideales Sprungbrett seiner abgründigen Agenten-Comedy.
Donaghs Stammdarsteller Sam Rockwell (Good Luck, Have Fun, Don't Die) reist als CIA-Agent Lee im Handlungsjahr 1973 mit seinem alternden Kollegen Chris (John Malkovich, Opus) nach Rapa Nui, das die beiden konformistisch und kolonialistisch „Osterinseln“ nennen. Ausgangsort ihrer Reise ist Santiago de Chile am Vorabend des Militärputschs. Dass die Kollegen des sich beständig zankenden Gespanns selbigen lanciert haben, damit den ersten demokratisch gewählten Präsidenten kippen und das Land in fast zwei Jahrzehnte blutigen Militärterrors stürzen, plappert Chris nebenbei am Flughafen aus. Adressatinnen sind zwei linke Studentinnen (Ailín Salas, La vida nueva; Mariana Di Girólamo, Kill The Jockey) mit dem gleichen Reiseziel.
Vor der imposanten Kulisse der Moai, über die Chris mit demonstrativer altmännlicher, spätkolonialer Herablassung spricht, stellen sich beide den Dämonen ihrer Vergangenheit und Gegenwart, die im Nebel von Demenz und Drogen verblassen. Sardonischer Witz kollidiert mit unvermittelten Gewaltausbrüchen, während seine pathetischen Protagonisten zwischen Ansätzen moralischer Läuterung und ideologischer Loyalität schwanken. Die dramaturgischen Analogien zur gegenwärtigen US-Politik sind ebenso unübersehbar wie die Jahrhunderte umfassende Tradition invasiver ideologischer Unterdrückung und gewaltsamer politischer Einmischung. Deren komödiantische Kritik konterkarieren die Banalisierung aggressiver amerikanischer Außenpolitik und die Heroisierung deren Handlanger.
Fazit
Auch wenn die dramatische Dialektik Martin McDonaghs bissiger Geschichtslektion deren Solidarität mit den Opfern totalitären Terrors und geopolitischer Komplotte behauptet, gilt die eigentliche Empathie unverändert den Tätern. Dass ein alter weißer Mann am Ende seiner Tage ein paar Minuten von Selbstmitleid zu Selbstkritik schwankt, wiegt zufolge der imperialistischen Implikationen sämtliche systemischen Schandtaten auf, inklusive Kennedy-Ermordung und Diktatoren-Installation. Das historische Trauma ozeanischer und lateinamerikanischer Nationen dient lediglich als dekorativer Hintergrund westlichen, weißen Weltschmerzes. So grandios der Cast und ausgefeilt die bewusst gelassene Inszenierung ist, so bitter der Beigeschmack.
Autor: Lida Bach