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Traditionelle Filmkritik im neuen Gewand: Filmkritiker Wolfgang M. Schmitt im Porträt

PatrickFey

Von PatrickFey in Traditionelle Filmkritik im neuen Gewand ― Wolfgang M. Schmitt im Porträt

Traditionelle Filmkritik im neuen Gewand: Filmkritiker Wolfgang M. Schmitt im Porträt Bildnachweis: © FatboyFilm

Einmal im Jahr fährt Wolfgang M. Schmitt nach Berlin. Der Februar schmeichelt den wenigsten Städten, insbesondere jenen nicht, in denen es nicht schneit. Doch Wolfgang, ohnehin nicht besonders angetan von der Bundeshauptstadt, reist nicht des Sightseeings wegen. Ginge es nach ihm, so könne man doch glatt darüber nachdenken, Bonn wieder zum politischen Zentrum Deutschlands zu erklären. Um die Berliner mal wieder auf den Boden zu holen — oder so ähnlich. Nein, wenn Wolfgang nach Berlin kommt, liegt es an der Berlinale. 

Ein Mann der vielen Formate 

Wolfgang M. Schmitt, das stand über Jahre hinweg synonym für seinen Youtube-Kanal Filmanalyse, auf dem er einmal pro Woche einen aktuellen Film bespricht. Mittlerweile ist der Koblenzer allerdings zum echten Tausendsassa der deutschen Medienkultur avanciert. Der eigene Kanal auf Youtube, Artikel im Freitag und der Rhein-Zeitung, Gastauftritte bei den Rocket Beans in Hamburg, die an den eigenen Kanal angelehnte Politikanalyse bei Tilo Jung, der Wirtschaftspodcast Wohlstand Für Alle mit Ole Nymon, das Podcast-Projekt Die neuen Zwanziger mit Stefan Schulz (Aufwachen!-Podcast) — die Liste vornehmlich digitaler Formate ließe sich noch weiter fortsetzen, doch dürfte schon jetzt nicht von der Hand zu weisen sein: Wolfgang M. Schmitt, das steht längst nicht mehr nur für die wöchentliche Filmkritik. 

Es passt gut ins Bild, dass Wolfgang, generell kein sonderlicher Freund des Reisens, wenn er sich dann mal in seinen Peugeot 208 auf eine stundenlange Reise quer durch Deutschland begibt, sich letztlich wieder in den dunklen Kinosälen wiederfindet — aus denen er dann während der kommenden Tage auch kaum herauskommt. Ebenso der denkbar weiche Händedruck, der von einem Lebensentwurf zeugt, der gar nicht erst versucht, der geistigen Beschäftigung eine physische Betätigung gegenüberzustellen. Es ist der gleiche Wolfgang, der nach dem Abitur nicht wie viele seiner Klassenkamerad*innen ins Ausland ging, sondern stattdessen seine Eltern darum bat, das Geld lieber in Theater, Kino oder Oper investieren zu können. In einem seiner Videos, in dem er sich mit den “blödesten Ausreden”, nicht ins Kino zu gehen, auseinandersetzt, heißt es in diesem Zusammenhang: “Man spart sich ja den Urlaub, man kann Filme aus allen Ländern sehen. Warum z.B. in die USA reisen, wenn man dort doch täglich im Kino hin kann. Ganz ohne Sicherheitskontrollen.” 

Vom Hörsaal auf die Bildschirme, von Bergman zu Bay 

Doch wer ist dieser Wolfgang M. Schmitt eigentlich, der über Jahre hinweg lediglich einem kleinen Kreis hiesiger Filmliebhaber ein Begriff gewesen ist? Aufgewachsen im Rheinland, nahe der Stadt Koblenz, interessiert sich Wolfgang schon früh für alte Filme à la Bergman und Hitchcock, die er in der heimischen DVD-Sammlung entdeckt. Die Kino-Leidenschaft und die Auseinandersetzung mit dem Gegenwartskino entsteht indes erst nach dem Abitur. Sind es zunächst allem voran die Programmfilme, die ihn in die Lichtspielhäuser ziehen, entwickelt er zunehmend ein Interesse für die Blockbuster, “weil ich erkannte, dass die aus ‘ner ideologiekritischen Perspektive sehr viel mehr hergeben.” Diese Erkenntnis, gepaart mit einem Mitteilungsbedürfnis und auch einer Prise Eitelkeit, führt im Mai 2011 dann zur Idee, einen Youtube-Kanal zu eröffnen, auf dem fortan wöchentlich erörtert wird, welche Ideologien sich in den aktuellen, zumeist publikumsstarken, Filmen verbergen. Zu diesem Zeitpunkt ist Wolfgang 23 und studiert, denkbar passend in der ältesten Stadt Deutschlands, an der Uni Trier Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie. Was er sich seit jeher beibehalten hat, ist die Liebe eines geregelten Tagesablaufs und seine, wie er es einmal ausdrückte, “protestantische Arbeitsethik”: “Ich bin ein totaler Spießer, was das angeht. Ich stehe immer um sieben Uhr auf, wenn ich es mal bunt treibe, um halb acht.” 

In Eintracht wie selten: Wolfgang M. Schmitt und der Mickey-Mouse-Konzern © Ole NymonIn Eintracht wie selten: Wolfgang M. Schmitt und der Mickey-Mouse-Konzern © Ole Nymon

In seinen Videos orientiert er sich von Beginn an am Kino selbst, indem er sich nicht schlicht beim Sprechen aufnimmt, sondern regelrecht inszeniert: Eingeleitet mit dem Geräusch und Flimmern einer abgespulten Filmrolle präsentiert sich Wolfgang im Anzug, die Haare mit Haaröl zurechtgemacht, im Lesesessel sitzend, im Hintergrund eine Bücherwand mit den gesammelten Werken von Friedrich Engels und Karl Marx, anbei ein kleiner Tisch mit einem Whiskeyglas, bisweilen auch ein Aschenbecher. Ganz so, als habe sich das Analoge in das Digitale eingeschlichen, wird hier der Eindruck eines wohligen Arbeitszimmers geschaffen, in dem im Winter womöglich auch das Knistern von Holzscheiten im Kamin zu hören ist, in dem aber auch jede Sekunde zum Interview mit Günter Gaus geladen werden könnte. Tatsächlich handelt es sich um ein Kellerzimmer im Elternhaus, und das Whiskeyglas ist gefüllt mit Cola Light. 

Vieles hat sich seit dem Jahr 2011 verändert: Die Aufrufzahlen sind mittlerweile in der Regel fünfstellig, das Künstlerkollektiv Mannschaft Murnau hat ihm eine einstündige Dokumentation gewidmet, und die Drehs seiner Videos wurden, weg vom Elternhaus, in seine privaten Räume bei Koblenz umgesiedelt. Auch ist Wolfgang nicht mehr an der Uni, an der er über Jahre hinweg als wissenschaftlicher Mitarbeiter gearbeitet hat. Den eigentlichen Plan, über das Spätwerk Ernst Jüngers zu promovieren, hat er aufgrund der wachsenden “Verlockungen”, im Journalismus zu arbeiten, aufgegeben. Ein Buch wolle er “in absehbarer Zeit” allerdings schon schreiben: “Nicht ganz populär, aber so in der Art, wie ich über Dinge nachdenke.” Und so lässt es sich auch erklären, warum Wolfgang am Rande der Berlinale 2020 keinen Doktortitel trägt und, auf seine Berufsbezeichnung angesprochen, nicht frei von Koketterie, entgegnet, er sei “Youtuber”. Und es ist nicht von der Hand zu weisen: Die Konstante bleibt bei allen Veränderungen die wöchentliche Ausgabe der Filmanalyse. Denn letztlich sei der Großteil der Anfragen, sei es für Lehrgänge an Universitäten oder abendliche Vorträge zu kultur- und gesellschaftspolitischen Themen, nicht zuletzt auf die regelmäßigen Filmanalysen zurückzuführen. 

Die schmittsche Filmanalyse steht stellvertretend für eine Art der Filmkritik, die während der 1920er Jahre wortwörtlich Schule machte, die Frankfurter nämlich. Im regen Austausch mit den Vertreter*innen des legendären Instituts für Sozialforschung stand seinerzeit der große Siegfried Kracauer, der in seinem Essay “Die kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino” aus dem Jahr 1928 Filme als “Spiegel der Gesellschaft” erkannte. Sich diese Maxime zum Vorbild nehmend, folgt Schmitt dieser im klassischen Feuilleton fast gänzlich verloren gegangenen Art der Filmbesprechung und erklärt seit der Kanaleröffnung im Mai 2011 wöchentlich, zumeist mit einem Band kritischer Theorie zur Hand, wie all das Treiben auf der großen Leinwand mit unserem täglichen Leben zusammenhängt. So sei die aktuelle Faszination für Superhelden paradigmatisch für unsere postheroische Ära, in der das Individuum in der Masse untergeht und alle Verantwortung, nach Nietzsche, an die Übermenschen abgibt. In seiner Analyse zum deutschen Kassenschlager Fack ju Göhte 3 wirft er diesem Klassismus vor; zudem habe man es hier mit einer Verfilmung des Theorieklassikers von Michel Foucault, Überwachen und Strafen, zu tun, so frappierend sei die Ähnlichkeit der Überwachungsmaßnahmen am m’barekschen Goethe-Gymnasium zu Foucaults Kerkernetz. Und natürlich ist James Camerons Titanic nicht in erster Linie eine Liebesgeschichte, nein auch kein Katastrophenfilm: Es ist eine Geschichte über den Klassenkampf. 

 Zwischen perverser Lust und aufklärerischem Impetus 

“Als Filmkritiker sollte man sich nicht so wichtig nehmen” - diese Worte mögen ein wenig seltsam anmuten für einen Filmkritiker, der lieber mit dem Auto statt dem ICE zur Berlinale fährt, um all die Anzüge, Hemden und Mäntel knitterfrei nach Berlin zu schaffen; ein Filmkritiker, der, statt auf ‘herkömmliche’ Weise im Feuilleton, einmal wöchentlich auf Youtube zu sehen ist; der einem allseits beliebten Film vorwirft, zu gut zu sein, um gut zu sein und der, in all seiner Hassliebe zum deutschen Kino, den Flop eines Til-Schweiger-Films auch gern mal demonstrativ und ganz buchstäblich vor der Kamera mit Schaumwein begießt. Hin und wieder mündet das gar in kultigen Filmanalyse-Specials, die von seinen Zuschauer*innen gefeiert werden. So zum Beispiel, wenn er sich nach der Sichtung des Superheldenfilms Justice League mit zitternden Händen eine Zigarette anzündet und diese dann, über Minuten hinweg, kommentarlos raucht, während er abwechselnd fassungslos den Kopf schüttelt oder mit leerem Blick in die Kamera starrt. Auf die Spitze getrieben wird das spätestens, als Wolfgang mit postmodernem Impetus für das Format Massengeschmack-TV sich selbst und seinen Youtube-Kanal Filmanalyse analysiert, und diesem Wolfgang M. Schmitt eine “perverse Lust” am “Geschmacklosen”, “Kitschigen”, “Süßlichen”, “Albernen” ― sprich: am Kino ― attestiert.

Wie passt also diese Selbstzelebrierung der eigenen Kunst- und Kultfigur, der zuliebe nun Fans auf Instagram einen Kanal für Wolfgang-Memes angelegt haben, zusammen mit der Maxime, man solle sich als Filmkritiker nicht so wichtig nehmen? Der Schlüssel hierzu liegt im Kritikerdasein, das dieser versucht, von der Privatperson Wolfgang zu trennen. Im Gespräch erklärt er dazu: “Ich zeige nicht nur mein Gesicht, dass man mich sieht und man mich wiedererkennt, sondern gewisserweise habe ich das auch immer so verstanden, dass ich meinen Kopf hinhalte dafür, was ich sage. Und das finde ich sehr aufrichtig.” Und tatsächlich, so streitbar die Analysen bisweilen anmuten mögen, so kann man ihnen doch nicht absprechen, entschieden Position zu beziehen. Zum Vorschein tritt hier zum einen Wolfgangs jahrelange Abarbeitung an der universitären Diskussionskultur, ein Thema, bei dem er beinah ungehalten wird: “Ich hasse dieses Wischi-Waschi, dieses ‘Ach, ich hab eigentlich gar nicht so ne genaue Haltung dazu’ und ‘Eigentlich hat ja jeder so seine eigene Meinung’ und auch so im vorauseilendem Gehorsam sich schon für die eigene These Entschuldigen.” 

Zum anderen zeigt sich hier aber auch die Abneigung gegen eine kritische Auseinandersetzung, die subjektivistisch, d.h. durch persönliche Befindlichkeiten gestützt, geführt wird. Nicht zuletzt deshalb setzt sich Wolfgang in den Kinosälen auch immer an den Gang — um sich vom Treiben auf der Leinwand nicht einnehmen zu lassen. Die Immersion soll auf diese Weise umschifft werden, um einer kritischen Distanz zu weichen. Die Leinwand ist im Zweifel immer mehr Spiegel denn Fenster. So ist es auch zu verstehen, dass jede Filmanalyse mit den Worten der russischen Regie-Legende Andrei Tarkowski endet, die dieser in seinen Tagebüchern niederschrieb: “Wir schauen nur, aber wir sehen nicht.”

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