MB-Kritik

About the Mother 2026

Inhalt

Sibels Mann liegt mit Leberversagen im Krankenhaus und wartet auf eine Organtransplantation. Angesichts der Dringlichkeit und der langen Warteliste wird die Lage der jungen Mutter Dreier kleiner Kinder immer verzweifelter. Während sie versucht, ihre Schwägerin zu überzeugen,  Osmans Bruder spenden zu lassen, muss sie gleichzeitig, durch den Verkauf von Milch auf der Straße Geld für Osmans Schulden aufzutreiben. Doch der Zustand ihres Mannes verschlechtert sich rapide, und die Zeit drängt. Unter Druck mischt Sibel Wasser in die Milch, um schneller an Geld zu kommen.

Kritik

Die Milch, mit deren Verkauf die geplagte Titelfigur Büşra Bülbüls eindringlichen Spielfilm-Regiedebüts die prekäre Lage ihrer Familie zu verbessern versucht, wird zum symbolreichen Schlüsselmotiv einer harschen Studie gesellschaftlicher Marginalisierung und emotionaler Isolation: Ein Sinnbild von Fürsorge und Verantwortungsgefühl, mit denen sich Sibel (Sevda Erginci) ihren drei kleinen Kindern und ihrem schwerkranken Ehemann widmet, und einer moralischen Integrität, die schleichend erodiert. Unter stetig wachsendem finanziellen und zeitlichen Druck signalisieren kleine Prinzipienbrüche eine mentale Wandlung, die sie vor sich selbst zurückschrecken lässt.

Jener unterbewusste Schrecken äußert sich in unheimliche Visionen, halb übermüdete Sinnestäuschung, halb alptraumhafte Antizipation. Die gespenstischen Genre-Anleihen schaffen einen markanten Kontrast zum herben Realismus des Szenarios, das sie um eine vielschichtige psychologische Ebene ergänzen. Während ihr Ehemann Osman auf der Intensivstation auf ein Leber-Transplantat wartet und sein Zustand sich jeden Tag verschlechtert, muss Sibel allein die Kinder versorgen und Geld aufbringen. Im Tausch für Hausarbeit erhält sie von der befreundeten Seniorin Gülizar (Ümran Şakır) Frischmilch, die sie in der Stadt verkauft. 

Fahle Kamerabilder begleiten Sibel auf Liefergängen mit den schweren Flaschen, bei Aushilfsarbeiten als Putzkraft, bei Krankenhausbesuchen und Betreuen der Kinder. Mit unsentimentaler Direktheit zeigt die türkische Regisseurin die Abweisung und Verächtlichkeit, die ihrer bedrängten Titelfigur allerorts entgegenschlagen. Der Wachmann einer Gated Community misstraut ihr, im Bus beschweren sich Fahrgäste über ihren Stallgeruch und wenn eine Nachbarin beiläufig nach Osmans Befinden fragt, unterbricht sie Sibels Antwort umgehend mit der nächsten Arbeitsanordnung. Im Krankenhaus zeigen die Ärzt*innen kaum mehr Anteilnahme an ihrer Verzweiflung. 

Starre, beengte Einstellungen unterstreichen die rigoros eingeschränkten Möglichkeiten der sozial und psychisch an den äußersten Rand gedrängten Figur. Als sie die Milch mit Wasser zu strecken beginnt, um ein klein wenig mehr zu verdienen, verfolgt sie neben den Sorgen auch ihr schlechtes Gewissen. Motten werden zu Botschaftern der ethischen Erosion, die das mangelnde Mitgefühl ihres Umfelds spiegelt. Triste, dunkle Farben verstärken die niederschmetternde Stimmung, in der kleine Momente der Freude flüchtig bleiben. Jeden Hoffnungsschimmer verdüstert eine grimmige Erinnerung an eine Welt ohne Mitgefühl für die Verwundbarsten. 

Fazit

Sozialdrama und Charakterstudie verwebt Büşra Bülbül fesselndes Regie-Debüt, das in Shanghai in der wichtigsten Nebensektion New Asian Talent seine Premiere feiert, zu einem nuancierten Porträt moralischer Zwiespalte und gesellschaftlicher Kälte. Sevda Ergincis eindrucksvolle Darstellung verleiht der zerbrechlich wirkenden Protagonistin eine innere Kraft, die gerade bei Frauen kaum soziale Anerkennung findet. Inmitten dieser gemeinschaftlichen Härte erweisen sich Familienbande als ebenso unzuverlässig wie die eigenen moralischen Prinzipien. Formal präzise und mit seltener Authentizität zeigt Bülbül Armut als stetigen Kampf - auch gegen die eigenen Abgründe.

Autor: Lida Bach
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