Es ist wahrscheinlich die Schlüsselszene von Assassination Nation: Die vier Hauptfiguren Lily (Odessa Young, Sweet Virginia), Bex (Hari Nef, Transparent), Sarah (Suki Waterhouse, Stolz und Vorurteil und Zombies) und Em (Abra in ihrem Schauspieldebüt) liegen auf dem Boden der Turnhalle ihrer High School, gemeinsam mit der Cheerleaderin Reagan (Bella Thorne, DUFF - Hast Du keine, bist Du eine), als diese meint, das Privatsphäre antiquiert und sowieso tot sei. Eine Aussage, die vor einigen Jahren bereits Facebook-Gründer Mark Zuckerberg machte und dafür ordentlich Kritik einheimste. Doch in der Welt von Lily und ihren Freundinnen wird dieses Statement, das gekoppelt ist an Rebellion und Unwissenheit, rasch zur düsteren Realität, als ein unbekannter Hacker sämtliche Daten (Chats, Mails, Fotos, Videos) der Bewohner der Kleinstadt Salem online verfügbar macht und damit eine Hexenjagd initiiert.
Bis es dazu kommt, präsentiert Autor und Regisseur Sam Levinson (Another Happy Day) uns die Welt dieser Teenager, die aus Schule, Party, sexuellen Erfahrungen, Liebeskummer, Besserwisserei und Späßen besteht. Dargeboten mit einer durchaus interessanten Stilistik, die allerdings deutlich mit Erschöpfungserscheinungen zu kämpfen hat und dadurch zwangsweise selbstzweckhaft zum eigentlichen Zentrum des Films degradiert wird und damit durchaus der eigentlichen Aussage etwas an Kraft raubt. Allerdings nur etwas, denn Levinson ist in seinem zweiten Spielfilm kein Fan von subtilen Untertönen oder Metaphern. Er kritisiert unseren heutigen Umgang mit sozialen Medien, unsere Lust an Gerüchten sowie Spekulationen und vor allem unsere Schwäche gegen verführerische Doppelmoral.
Diese Doppelmoral zeigt sich in all ihren Facetten und hat diverse, hässliche Fratzen, die Levinson mit großer Wonne an gesellschaftlicher Reflexion vor die Kamera schubst und dabei teilweise so sehr auf Überspitzungen setzt, dass die gezeigten Szenen manchmal mehr parodistisch, als wirklich satirisch wirken. Kraftvoll sind sie aber definitiv. Wenn Lily am Ende des zweiten Akts mit ihrer Mutter aneinandergerät, ist dies aber vermutlich die stärkste, emotionale Szene des Films, weil Levinson hier ohne Filter und Verzerrungen arbeitet.
Vor und nach dieser Szene fühlt sich Assassination Nation aber immer ein wenig so an, als ob die Geschichte ein Sklave vom Stilwillen von Levinson ist. Der Filmemacher hat zu viele Ambitionen, die er in die Produktion gesteckt hat. So stellt sich eine Übersättigung ein, ein Völlegefühl, welches sich bereits nach kurzer Zeit einstellt und nie so ganz verschwindet, auch wenn Levinson darin durchaus relevante Themen verpackt. Letztlich sind ihm aber die großen Eskalationen wichtiger und genau mit denen gelangen ihm auch immer wieder große Momente. So wird das Finale mit einer wunderschönen Plansequenz eingeleitet, die von außen zeigt, wie Fremde versuchen in ein Haus einzudringen, um die dort anwesenden Personen zu überfallen. Technisch schick und überaus packend.
Insgesamt ist Assassination Nation ein zweischneidiges Schwert, da er zwar durchaus eine interessante und wichtige Thematik behandelt, diese aber zu häufig und mit großer Lust am stilistischen Bombardement im eigens generierten Getöse ersaufen lässt. Und dennoch, die Schüsse gegen unsere moderne Welt treffen, gerne mit grobschlächtiger Präzision, ihr Ziel. Nur die Wunden, die sie Herbbeiführen sind dann doch meist nur Kratzer, auch weil die Handlung ein paar Genre-Schlenker in den Bereich Horror und Thriller zu viel ausführt.