MB-Kritik

Everybody to Kenmure Street 2026

Documentary

Inhalt

Nachdem bekannt wurde, dass die Behörden die Abschiebung ihrer Nachbarn planen, unterbrachen die Bewohner Glasgows ihren Alltag und versammelten sich in der Kenmure Street. Dies löste eine spontane Bürgerbewegung aus.

Kritik

Auf den 13. Mai 2021 fiel Eid, eines der höchsten Feste des islamischen Kalenders, das traditionell mit Gemeinschaft, Familie und Freundschaft sowie Nächstenliebe verbunden ist. In Glasgows multikulturellem Stadtteil Pollokshields kamen die Anwohnenden und Menschen aus anderen Gegenden Schottlands größter Metropole zusammen, um diese Werte zu pflegen. Nur war der Anlass der Zusammenkunft nicht unbeschwerte Feierlichkeit. Die grandiose Aktion öffentlichen Widerstands, in den sich die vereinzelten Proteste gegen die gewaltsame Abschiebung zweier Nachbarn in wenigen Stunden verwandelten, würdigt Felipe Bustos Sierra (Nae Pasaranin seiner fesselnden Debüt-Doku.

Deren straffe Handlung verknüpft die von Demonstranten und Anwohnenden gefilmten Originalaufnahmen mit nachgestellten Szenen und Interviews der Nachbar*innen, die unversehens zu Aktivist*innen wurden. In den Morgenstunden wurden zwei langjährige Bewohner des Viertels in einen Wagen des Home Office Ministeriums verschleppt, um zwangsabgeschoben zu werden. Ein Nachbar erkannte die Situation und blockierte das Fahrzeug. Der Mann selbst, der ebenso wie die Festgehaltenen  Sumit Sehdev und Lakhvir Singh nur als Off-Stimme präsent ist, legte sich unter den Wagen. Die gefährliche Aktion wurde zur symbolträchtigen Initialzündung spektakulärer Zivilcourage.

Die verdichtete Rekonstruktion des mit massivem Polizeiaufgebot bedrängten Großprotests untermauert ein historischer Blick auf das kolonialistische Erbe der Stadt. Jene profitierte von Sklaverei und kolonialistischer Ausbeutung, aber sieht die Nachfahren der Opfer imperialistischer Gewalt als Eindringlinge. „You can live here for 200 years, but in the eyes of the Establishment, you’re not British“, sagt einer der involvierten Nachbarn. Der geschichtliche und gesellschaftspolitische Kontext erweitert die scharfsichtige Studie kollektiven Handelns zu einer systemkritischen Analyse nationalistischer Ideologie und imperialistischer Mechanismen. In Appell für urbane Solidarität; grenzübergreifend und bedrückend aktuell. 

Fazit

Ausgehend von der spontanen Mobilisierung einer Nachbarschaft in Glasgow, die sich 2021 der Abschiebung zweier Mitmenschen entgegenstellt, entwickelt Felipe Bustos Sierra eine hintergründige Untersuchung über Kollektivgeist, Zugehörigkeit, staatliche Gewalt und die Ethik zivilen Widerstand. Mit klarem Fokus auf zwischenmenschliche Dynamik vermeidet die konzentrierte Inszenierung Heroisierung und Rettungsnarrative. Handy-Videos aus direkter Nähe verstärken die Authentizität und Unmittelbarkeit der Ereignisse, deren Eskalation stets beunruhigend greifbar bleibt. Durch die Konfrontation mit den konkreten Auswirkungen einer rechts-nationalistischen Asylpolitik bezieht das packende Protokoll eine klare politische Position von alarmierender Dringlichkeit. 

Autor: Lida Bach
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