MB-Kritik

Gentle Monster 2026

Léa Seydoux
Catherine Deneuve
Jella Haase
Laurence Rupp
Sylvester Groth
Katharina Lorenz
Regina Fritsch
Raphael Nicholas
Anton Rubtsov
Nils Strunk
Malo Blanchet
Patrycja Ziółkowska
Rainer Doppler
Baran Sönmez
Filipe Repak
Sara Sukarie

Inhalt

Eine renommierte Pianistin zieht mit ihrer Familie aufs Land, wo sie eine lebensverändernde Wahrheit aufdeckt, die sie zwingt, sich mit den Komplexitäten von Liebe, Vertrauen und Täuschung auseinanderzusetzen.

Kritik

Love Songs von Männern formen die Vorstellung von Liebe, antwortet Pianistin (Léa Seydoux, Silent Friend) in einem Interview zu ihrem musikalischen Schaffen. Das konstituiert die Interpretation und Dekonstruktion romantischer Pop Songs. Deren Texte und kollabierende, verzerrte Kadenzen fungieren in Marie Kreutzers zweitem Cannes Titel nach dem gefeierten Corsage als kreativer Kommentar ihrer eigen kollabierenden Beziehung. Die Mischung aus Selbstbetrug und Selbstmitleid, mit der sich die Protagonistin daran klammert, wirkt dabei fast so verstörend wie die kriminellen Vorwürfe, die sie auseinander brechen lässt. 

Eines Morgens steht die Polizei unter Leitung der jungen Kommissarin Else (Jella Haase, #Schwarze Schafe) vor der Tür und beschlagnahmt alle Devices ihres Ehemannes Philip (Laurence Rupp, Die Affäre Cum-Ex). Damit ist klar, was ihm vorgeworfen wird, doch Lucy dämmert es erst, als sie es auf der Polizeiwache auf dem Abteilungsschild sieht: Kinderpornographie. Ihre dialektische Relativierung der verstörenden Verbrechen, die fortan im Raum stehen - auch an Lucys und Philips kleinem Sohn Johnny (Malo Blanchet) - untergraben stetig das von Kreuzer ermutigte Mitgefühl mit Lucys moralischem Dilemma. 

Dass dieses überhaupt existiert für die Protagonistin, die mit ihrer Liebe zum Gatten und der Angst vor dessen Verbrechen ringt, verweist auf die diskrete Doppeldeutigkeit des Titels. Dieser ist an der äußerst plakativen Oberfläche Philips Nickname in den Pedo Chat Foren. Auch Lucy ist ein „sanftes Monster“, das sexuelle und psychische Unversehrtheit ihrer Nächsten übergeht, um ihr heiles Weltbild zu bewahren. Ebenso Else, die auf die polnische Hausangestellte ihres blasierten Vaters einredet, dessen sexuelle Übergriffe zu dulden. 

„Everybody wants to know the truth/In my arms is the only proof/I've hidden my heart behind the bedroom door/Now it's open, I can't do no more“, paraphrasieren die Lyrics von Charles & Eddie die tragenden Motive von emotionaler Manipulation und Verleugnung aus Liebe. Der anklagende Fingerzeig auf Pop-Songs, deren vermeintlich toxische Message die Protagonistin in ihrem musikalischen Schaffen seziert, echot unangenehm Apologetik. Genauso die inszenatorische Implikation, dass jede Frau bereitwillig über männlichen Missbrauch hinwegsehen würde. 

Dem altbekannten Befund der hinter bildungsbürgerlicher Fassade lauernden Perversion und Heuchelei kann Kreutzers unschlüssiges Skript keine analytische Relevanz hinzufügen. Die anhaltende Liebe der äußerlich grundverschiedenen Frauen zu ihren zentralen männlichen Bezugspersonen wirkt nahezu abstoßend. Das ändern auch nicht die Wehmut Judith Kaufmanns stimmiger Kamerabilder um den Kollaps der bildungsbürgerlichen Familienideale. Die sozialstrukturelle und pathologische Spezifität der Sexualdelikte suggeriert in ihrer Verallgemeinerung eine fragwürdige Grunddynamik männlicher Täterschaft und weiblicher Komplizenschaft. Pauschalisieren als Selbstrechtfertigung. 

Fazit

Unweigerlich evoziert die Thematik Marie Kreutzers befangener Beziehungsstudie die eigene fragwürdige Rolle der Regisseurin im Kinderpornographie-Skandal um "Corsage"-Darsteller Florian Teichtmeister. Statt die Frage zu konfrontieren, ob Mitgefühl mit den Allies von Sexualtätern angebracht ist, werben wehleidige Szenen und ihrer Egozentrik absurd-zynische Dialoge eifrig um Empathie mit der Protagonistin. Jene wirkt bisweilen wie ein fiktives Alter Ego Kreutzers, die eigene fragwürdige Handlungen kurzum zum allgemeinen Problem. Haase und Seydoux entwickeln eine latente Dynamik, deren psychologisches Potenzial ebenso in Vermeidung versickert wie die allegorischen Bilder. 

Autor: Lida Bach
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