Inhalt
Ein New Yorker Mittelschullehrer mit Drogenproblemen schließt eine ungewöhnliche Freundschaft mit einer seiner Schülerinnen, nachdem diese sein Geheimnis entdeckt.
Kritik
Als gleichsam ruhiges und eindringliches Porträt moralischer Widersprüchlichkeit verweigert sich Ryan Flecks (Freaky Tales) oscar-nominiertes Spielfilm-Debüt gängigen Narrativen des US-amerikanischen Sozialdramas. In der nuancierten Beobachtung der fragilen Beziehung zwischen dem substanzabhängigen Lehrer Dan Dunne und seiner jugendlichen Schülerin Drey kontrastiert der Regisseur und Co-Drehbuchautor den privaten Absturz mit der brüchigen Dynamik von pädagogischem Anspruch, politischem Bewusstsein und seelischen Kämpfen. Frei von didaktischer Zuspitzung lässt die ruhige Story ihre Charaktere in kleinen Gesten und intuitiver Vertrautheit existieren.
Im Geschichtsunterricht an einer New Yorker Middle School möchte der idealistische Protagonist (ein junger Ryan Gosling, Project Hail Mary, in einer formativen Rolle) seine Klasse für kritisches Denken begeistern. Heimlich kämpft er jedoch selbst mit einer schweren Drogensucht, die seinen Alltag sukzessive erodiert. Drey (eine fabelhafte Shareeka Epps, Yelling To The Sky), die in ihrer von struktureller Benachteiligung und Kriminalität angeschlagenen Familie auf sich allein gestellt ist, sieht in Dunne eine Mischung aus Vaterfigur und Verbündeten gegen ein feindseliges System.
Als Figur mit eigener ethischer Instanz emanzipiert sich Drey von der Rolle des gesellschaftlichen Opfers, in der von Rettungsphantasien befangene Dunne sie sieht. Sie erkennt und akzeptiert die psychischen Konflikte ihres erwachsenen Gegenübers, genauso wie sie die Dynamik innerhalb ihrer Familie durchschaut. Ohne Melodramatik verkörpert Gosling Dunne als paradoxen Idealisten, der seine ethischen Ambitionen theoretisch durchdacht hat, aber praktisch nicht leben kann. Den Fortschritt aus Konflikten, von dem er in den Unterrichtsstunden spricht, vermag er selbst nicht umzusetzen.
Fazit
Eine Raue Ästhetik, geprägt von körnigen Aufnahmen, natürlichem Licht und unsteter Handkamera, und der reduzierte Einsatz von Musik und visuellen Stilmitteln verstärken die naturalistische Aura Ryan Flecks hochgelobten Debüt-Dramas. Der eingängige Soundtrack von Broken Social Scene wird zum atmosphärischen Resonanzraum für das urbane Umfeld der differenzierten Figuren. In ihrer psychologischen Vielschichtigkeit entziehen sie sich konventionellen Konstrukten von Katharsis und Läuterung. Die nüchterne Story der Erosion ideeller Illusionen in einer harschen Alltagsrealität stellt unbequeme Fragen über ein scheinheiliges Happy End.
Autor: Lida Bach