Inhalt
Pünktlich zum 100. Geburtstag Ingeborg Bachmanns kommt Jemand, der einmal ich war ins Kino: eine filmische Annäherung an eine der wohl bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen. Der Film versteht sich, so der Verleih, als »poetische Spurensuche« und zeichnet zwischen Archivaufnahmen, Improvisation und viel Textmaterial den bewegten Lebensweg Ingeborg Bachmanns nach.
Kritik
Regina Schillings (Titos Brille) eigenwilliger Dokumentarfilm reißt von Anfang an Grenzen ein: einerseits zwischen Genres, denn er ist weder generisches Biopic noch rein klassische Doku, und andererseits auch zwischen filmischer und tatsächlicher Realität.
Denn durch den fertigen Film ziehen sich Regiekommentare aus dem Off, Erklärungen zu diesem Projekt selbst und Aufnahmen Sandra Hüllers (Der Astronaut – Project Hail Mary), die hier in die Rolle Ingeborg Bachmanns schlüpft – und auch wieder nicht. Die Faszination für Bachmann verbindet Regisseurin und Schauspielerin, Hüller war Schillings Wunschdarstellerin für dieses Projekt. Ausgangspunkt ist eine Wohnung in Rom, die sie für die Dreharbeiten gemietet haben, weil sie sie, so Schilling aus dem Off, an Bachmanns Wohnung erinnert. In dieser Wohnung wird Hüllers Spiel zum Angelpunkt zwischen Gegenwart und Vergangenheit und eben den Wirklichkeiten.»Wir stellen uns einen Tag in ihrem Leben vor«, ist der Ansatz, »in ihren letzten Jahren in Rom: alkohol- und tablettenabhängig, allein und zurückgezogen.«
Mit einer blonden Perücke – deren Anbringung durch die Maskenbildnerin wir ebenfalls sehen – bewegt sich Hüller zunächst betont unbeholfen durch diesen imaginierten Tag. Einzelne Einstellungen – von Hüller/Bachmann am Schreibtisch – machen klar, dass es natürlich die Möglichkeit gegeben hätte, sich mittels Maske und Requisiten einer perfekten Illusion anzunähern.Die ist aber explizit nicht das Ziel, auch weil, so Schilling in einem Interview, »Sandra immer gesagt hat, sie möchte [Bachmann] nicht wirklich spielen«. Es geht um die Annäherung und das Imaginieren. »Ich wünsche mir, dass in den Spielszenen etwas flirrt und die Gegenwart mit hineinspielt«, sagt Schilling dazu.
Darüber hinaus gibt es aber natürlich auch eine Menge klassisches Dokumentarmaterial: Audio- und Videomitschnitte zeigen Bachmann im Lauf ihres Lebens, dessen Stationen grob chronologisch abgehandelt werden. Sparsam eingesetzte Erzählkommentare ordnen das Biografische zum Teil ein, überwiegend kommen aber Bachmann und Zeitzeug*innen größtenteils unkommentiert zu Wort und auch ihren Texten selbst wird – wenig überraschend – viel Raum gegeben.Nicht von ungefähr etwa ist der Filmtitel selbst ein Bachmann-Zitat. Er ist eine Formulierung aus dem Roman Malina: Ein unerwarteter Schlag ins Gesicht markiert hier ein Vor- und Hinterher und macht das erzählende Ich zum »Jemand, der einmal ich war«.
Wenn wir Hüller vor der Kamera sehen, spricht sie nie, ihre Annäherung an die Bachmann ist in den Bildern eine wortlose (sie hat aber, was im Film unerwähnt bleibt, beim Dreh unablässig Bachmanns Texte im Ohr). Lediglich aus dem Off spricht sie immer wieder Bachmann ein, Gedichte ebenso wie Auszüge aus Romanen und Briefwechseln, eine Ergänzung zu den Originalaufnahmen, in denen Bachmann ihre eigenen Texte liest.
Weniger als das chronologische Erzählen von Bachmanns Leben scheint dem Film dabei durchgängig, verschiedene prägende Einflüsse aufzuzeigen: ihre Jugend im zweiten Weltkrieg etwa (»Ich gehe nicht mehr in den Bunker«, schrieb Bachmann in ihrem Kriegstagebuch 1945), die NSDAP-Mitgliedschaft ihres Vaters, die ikonischen Beziehungen zu Paul Celan und Max Frisch. Aber auch ihre Rolle in der Gesellschaft – einerseits als Frau in einer von Männern dominierten Literaturwelt, und andererseits als »gefallene Lyrikerin«, der ihr Wechsel zur Prosa von der Kritik oft verübelt wurde.Angesprochen wird auch Bachmanns Hadern mit der eigenen Geschlechtsidentität. »Ich bin nicht ganz eine Frau«, heißt es in ihren Worten etwa, »ich bin ein Irrtum.«
Handwerklich wird das alles sauber miteinander verwoben und mal Archivaufnahmen, mal Bilder von Hüller in und um Rom mit Textstellen und Interviews kombiniert. Der Fokus auf ein thematisches Kaleidoskop rund um Bachmanns Leben funktioniert insgesamt gut und weckt Neugier. Mehr als Schlaglichter können die einzelnen Aspekte hier natürlich nicht sein, was zweifellos auch so gewollt ist. Allerdings fühlt sich das bloße Anreißen hier und da dann doch eine Spur zu oberflächlich an – Fäden, die ins Leere laufen. Der offene Ansatz lässt es mitunter an analytischer Schärfe fehlen.
Ebenso gewollt dürfte die Distanz zwischen Hüller und der imaginären Bachmann sein, die gerade am Anfang des Films spürbar ist. Das geht vor allem im ersten Drittel bisweilen leider so weit, dass diese Szenen eher ratlos machen – gerade, wenn Hüller mit einem Smartphone hantiert oder die Stadt per E-Roller erkundet. Vor allem spätere Szenen wirken deutlich intensiver und immersiver und die ungewöhnliche Annäherung an Bachmann überzeugender.
Dem Dokumentargenre angemessen bleibt der Film bei Kameraführung und -effekten sparsam und bodenständig. Musikalisch unterlegt werden viele Szenen mit atmosphärischen Klängen der österreichischen Komponistin Anja Plaschg alias Soap&Skin (Des Teufels Bad) , die sich passenderweise auch schon im Rahmen anderer Projekte mit Bachmann auseinandergesetzt hat.
Fazit
»Jemand, der einmal ich war« kommt zwar über weite Strecken wie ein klassischer Dokumentarfilm daher, bricht die Grenzen aber auch bewusst immer wieder auf. Das Ziel, an Bachmann und ihr Schreiben heranzuführen, gelingt durch ein durchdachtes Arrangement von Originaltonspuren, Archivaufnahmen und in vieler Hinsicht auch durch Sandra Hüllers spielerische Annäherung an die späte Ingeborg Bachmann. Trotz kleiner Schwächen ist die eigenwillige Doku stimmungsvoll und sehenswert.
Autor: Sabrina Železný