Little Brother markiert die Rückkehr von Regisseur Matt Spicer, der 2017 mit Little Brother einst ein feines Gespür für moderne Figuren und digitale Schieflagen bewies. Sein neuer Film, der exklusiv bei Netflix erschienen ist, setzt auf die Kombination aus John Cenaund Eric André – ein Duo, das zwischen kontrollierter Präsenz und maximaler Unruhe sofort Aufmerksamkeit erzeugt. Die Ausgangslage wirkt wie gemacht für eine leichtfüßige Komödie über Familienbande, die sich eher zufällig als stabil erweisen. Doch schon früh kippt der Eindruck in eine Richtung, in der Tonalität und Figurenführung nicht mehr ganz zusammenfinden.
Zwischen Ordnung und Überforderung
Cena spielt Rudd, einen Immobilienmakler, dessen Leben zunächst klar strukturiert erscheint, bevor ein überraschender Einschnitt alles verschiebt. Seine Figur ist das klassische Gegenstück zum Chaos, das Andrés Marcus in die Handlung trägt. Gerade Cena bringt zwar jene körperliche Präsenz mit, die seinen Rollen häufig eine gewisse Stabilität verleiht, doch hier bleibt er erstaunlich festgelegt. Rudd reagiert, kommentiert, ist genervt – mehr Raum bekommt er selten. Dadurch entsteht das Gefühl, dass eine eigentlich dankbare Figur eher funktional abgearbeitet wird als wirklich aufzublühen.
Eric Andre wiederum übernimmt die Rolle eines Mannes, der zwischen emotionaler Verletzlichkeit und impulsiver Selbstzerstörung schwankt. Auf dem Papier entsteht daraus eine interessante Reibung, in der sich Tragik und Komik begegnen könnten. In der Praxis jedoch verschiebt sich der Fokus zunehmend in Richtung Überdrehtheit. Gerade dieser Übergang sorgt dafür, dass der anfängliche Zugang zur Figur schwerer wird. Was zu Beginn noch neugierig macht, verliert mit der Zeit an Halt, weil die Balance zwischen Mitgefühl und Eskalation immer stärker auseinanderdriftet.
Der Film setzt klar auf eine Mischung aus Körperkomik, absurden Situationen und bewusst überzogenen Momenten. In den ersten Minuten entfaltet das durchaus einen gewissen Reiz, weil die Dynamik zwischen den Figuren noch offen wirkt. Doch je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr wiederholen sich die Muster. Statt Variationen entstehen Sequenzen, die sich in ähnlicher Form gegenseitig ablösen, ohne neue Akzente zu setzen.
Gerade das Zusammenspiel der beiden Hauptfiguren verliert dadurch an Spannung. Während Cena in seiner Rolle kaum neue Facetten zeigen darf, wird Marcus zunehmend zu einer Figur, die vor allem durch Eskalation definiert ist. Diese Verschiebung sorgt dafür, dass der ursprünglich interessante Kontrast an Schärfe verliert. Nebenfiguren bleiben weitgehend funktional, selbst wenn einzelne Auftritte – etwa von Christopher Meloni – mit einem spürbaren Gespür für Selbstironie kurzzeitig frischen Wind hineinbringen.
Wenn der Abspann lebendiger wirkt als der Film
Ein auffälliges Detail sind die Outtakes, die im direkten Vergleich fast mehr Energie entfalten als der restliche Film. Sie wirken ungezwungener, spontaner und näher an dem, was die Komödie anfangs verspricht. Genau hier zeigt sich auch die eigentliche Schieflage: Die inszenierten Szenen sind stark kontrolliert, aber selten wirklich überraschend.
Der Eindruck bleibt, dass Little Brother eine reizvolle Idee verfolgt, diese jedoch nicht konsequent ausarbeitet. Besonders die Figur von Marcus hätte mehr Raum für Zwischentöne gebraucht, während Cena deutlich mehr Gelegenheit verdient hätte, seine komödiantische Präsenz auszuspielen. Stattdessen entsteht ein Ungleichgewicht, das den Film zunehmend eindimensional wirken lässt. Einzelne Momente blitzen zwar immer wieder auf, doch sie fügen sich nicht zu einem durchgehend stimmigen Rhythmus.