In den meisten Filmen über Zeitschleifen erreicht die Hauptfigur irgendwann einen Zustand vollkommener Redundanz. Plötzlich scheint alles egal zu sein. Ob Andy Samberg sich in Palm Springs hemmungslos betrinkt oder Bill Murray in Und Täglich Grüßt Das Murmeltier mit stoischer Gelassenheit immer neue Wege findet, um zu sterben – jede Konsequenz verliert ihren Wert, weil morgen ohnehin alles wieder von vorne beginnt. Genau in diesem Zustand befinden sich auch die Live-Action-Remakes von Disney-Zeichentrickklassikern.
Neuinterpretationen, die weder neu sind noch irgendetwas interpretieren
Die meisten dieser Filme waren enorme Kassenerfolge, lieferten aber kaum Stoff für ernsthafte Auseinandersetzungen. Sie erzählen dieselbe Geschichte mit echten Darsteller*innen, größeren Budgets und aufwendigeren Effekten – mehr aber meist auch nicht. Um es drastisch auszudrücken: kommerziell motivierte Duplikate, die sich an der Nostalgie vergangener Generationen bedienen, ohne der Vorlage etwas Relevantes hinzuzufügen. Natürlich gab es Ausnahmen. Ausgerechnet die wirklich eigenständigen Neuinterpretationen wie Tim Burtons Dumbo oder David Lowerys Elliot, der Drache wagten neue Blickwinkel – und wurden vom Publikum weitgehend ignoriert.
Gerade deshalb wirken die meisten dieser Neuauflagen erstaunlich feige. Sie verkaufen Vertrautheit als Tugend und möglichst detailgetreue Nachbildung als kreative Leistung. Dabei lebt Kino doch davon, Bekanntes neu zu denken, Figuren weiterzuentwickeln oder vertraute Stoffe in einen anderen Kontext zu setzen. Stattdessen entsteht oft der Eindruck, als hätten sich die Verantwortlichen vorgenommen, bloß keine Entscheidung zu treffen, die irgendjemanden irritieren könnte. Das Ergebnis sind Filme, die möglichst niemanden verärgern – und genau deshalb kaum jemanden begeistern. Sie existieren, weil sie existieren dürfen, nicht weil sie eine künstlerische Notwendigkeit hätten.
Ausgerechnet die Neuverfilmung von Vaiana - Das Paradies hat einen Haken (der gerade einmal zehn Jahre auf dem Buckel hat) sorgte bereits vor dem Kinostart für ungewöhnlich kritische Reaktionen. Das lag weniger an der Geschichte als an den ersten Bildern. Vor allem Dwayne Johnsons Rückkehr als Halbgott Maui ließ viele skeptisch zurück. Während er der Figur im Animationsfilm noch allein mit seiner Stimme Charisma verlieh, steht er nun selbst vor der Kamera – ausgestattet mit einer erstaunlich schäbigen Perücke, die beinahe künstlicher aussieht als die ohnehin allgegenwärtigen Computereffekte. Das will bei einem Film, der den Begriff „Live Action“ sehr großzügig auslegt, durchaus etwas heißen.
Viel Hochglanz, keine Magie
Ganz so hoffnungslos fällt das Ergebnis allerdings nicht aus. Regisseur Thomas Kail, der hier seinen ersten großen Kinofilm inszeniert, findet durchaus einige stimmungsvolle Bilder. Die pazifischen Inseln strahlen gelegentlich echtes Urlaubsgefühl aus und erinnern daran, warum die Vorlage visuell so bezaubernd funktionierte. Doch dieser Eindruck hält selten lange an. Zu häufig drängt sich der offensichtliche Stagecraft- und Greenscreen-Look in den Vordergrund. Die Welt wirkt sauber konstruiert statt lebendig, technisch perfekt, aber seltsam leblos. Man blickt weniger auf einen Ozean als auf eine beeindruckend gerenderte Simulation davon.
Inhaltlich arbeitet das Remake die Handlung der Vorlage beinahe didaktisch Punkt für Punkt ab. Überraschungen bleiben praktisch aus. Die einzige nennenswerte Änderung besteht darin, dass Vaiana – solide gespielt von Catherine Laga‘aia – diesmal nur den Hahn Heihei auf ihre Reise mitnimmt, während Schweinchen Pua zu Hause bleibt. Das ist eine Veränderung, die zwar existiert, aber keine echte Auswirkungen besitzt. Wer den Animationsfilm liebt und sich schlicht darüber freut, dieselbe Geschichte noch einmal mit echten Schauspieler*innen erzählt zu bekommen, dürfte zufrieden aus dem Kino gehen. Wer dagegen auf neue Ideen oder zusätzliche Facetten gehofft hat, wird vergeblich darauf warten.
Die Songs begeistern – doch genau hier zeigt "Vaiana" sein größtes Problem
Immerhin besitzen die Songs nach wie vor ihre mitreißende Qualität. Lin-Manuel Mirandas Kompositionen funktionieren auch Jahre später ausgezeichnet. „You're Welcome“ bleibt ein Ohrwurm, während „Shiny“ mit seinem Glam-Rock-Einschlag noch immer angenehm aus der Reihe tanzt. Gleichzeitig offenbart sich hier aber das vielleicht größte Problem des Films. Echte Darsteller*innen bewegen sich durch eine Welt, die fast vollständig künstlich wirkt. Diese Mischung erzeugt eine merkwürdige Distanz. Die Musicalnummern entfalten nicht dieselbe Magie wie im Animationsfilm, sondern wirken bisweilen fast irritierend. Die Lücke zwischen digital erschaffener Fantasie und realen Gesichtern schließt sich nie – vielmehr wird sie mit jeder Szene ein Stück größer.
Und damit schließt sich auch der Kreis zur eingangs erwähnten Zeitschleife. Über dieses Remake lässt sich letztlich erstaunlich wenig sagen, weil es selbst erstaunlich wenig zu sagen hat. Es wiederholt Bekanntes mit großem Aufwand, aber ohne erkennbare eigene Handschrift. Nach dem Abspann bleibt deshalb weniger Enttäuschung als ein Gefühl der Gleichgültigkeit. Morgen könnte derselbe Film noch einmal beginnen – und wahrscheinlich würde kaum jemand bemerken, dass die Schleife längst wieder von vorne läuft. Disneys zwei große E's: Erfolg mit Egal.