Inhalt
Qin, Sonya und Muna sind in eine KI verliebt. Ihre Gespräche mit Chatbots helfen ihnen, sich zu behaupten und Selbstvertrauen zu gewinnen – in einer chinesischen Gesellschaft, in der der Druck zu heiraten und erfolgreich zu sein, noch omnipräsent ist.
Kritik
Seit zwei Jahren sind Qin und Lu Chen ein Paar. Jeden Tag verbringt sie Stunden am Handy mit dem attraktiven Unternehmer, der immer für sie da ist, wenn sie ihn braucht. Persönlich getroffen haben sie sich nur einmal. Doch die Distanz zwischen ihnen ist nicht räumlich. Lu Chen ist ein AI Bot, ein digitaler Partner, dessen Aussehen, Charakter und Verhalten Quin ganz nach ihren Vorstellungen angepasst hat. Ihr Partner ist künstlich, doch ihre Gefühle sind echt. Und sie ist mit dieser amourösen Konstellation nicht allein.
Die junge Fabrikarbeiterin gehört zu einer stetig wachsenden Zahl jüngerer Frauen in einer romantischen Beziehung mit einem AI Charakter. Drei von ihnen begleitet Chouwa Liangs empathische Doku über einen Zeitraum on vier Jahren durch ihre digitalen Romanzen. Für die frei von moralischer Wertung und mit soziologischer Sensibilität gezeigten Bindungen haben Familie und Freunde der Protagonistinnen wenig Verständnis. Dagegen kennt die Regisseurin die Verführungskraft artifizieller Zuneigung, der sie selbst einst fast verfallen wäre. Die Hintergründe dieser neuen Art intellektueller Intimität sieht der psychologische Triptychon historisch verankert.
Ein-Kind-Ehe und Bevorzugung von Söhnen kippten die Geschlechter-Balance zu fast 25 Millionen mehr Männern als Frauen, von denen viele mit elterlicher Enttäuschung aufwuchsen. Diese traditionalistisch forcierte Misogynie manifestiert sich in einer Gegenwart, die nicht die umgebrachten, ausgesetzten und abgelehnten Töchter als Leidtragende sieht, sondern Männer, die keine Partnerin finden. Dass dafür nicht allein der Frauenmangel verantwortlich ist, zeigt die AI-Affäre der verheirateten Muna. Bei ihrem Bot findet sie Zuneigung und Respekt, anders als bei ihrem chauvinistischen Gatten, der vor der Kamera verkündet, der Feminismus gehe zu weit.
Sozialpolitische und ideologische Aspekte betrachtet das uneben Partnerschafts-Porträt jedoch ebenso flüchtig wie ökonomische Faktoren. Qin mietet sogar eine professionelle Personifikatorin fiktiver Partnerinnen, um ihren Lover einmal real zu sehen. Der Fokus gilt den Bots, die inzwischen so lebensnah sind, dasselbe fremdgehen können. Liang interviewt sogar Sonyas AI-Partner „Stephen“, doch die Konversation bleibt enttäuschend flach. Theoretisch lässt sich der Reiz Digital-Romanzen mit der Suche nach Zuneigung, Zuverlässigkeit und menschlicher Wertschätzung erklären; praktisch bleibt er rätselhaft für ein Publikum, das nicht schon in die Technologie involviert ist.
Fazit
Unmittelbar nachdem Florian Karners "Finding Connection" auf CPH:DOX AI Romanzen betrachtete, befasst sich Chouwa Liangs psychologisches Panorama mit der gleichen Thematik. Das spürbare Vertrauen zwischen der chinesischen Regisseurin und ihren Protagonistinnen schafft Momente persönlicher Nähe und psychologischer Offenheit, die auf eine tiefe Einsamkeit als übergreifende gesellschaftliche Indikation verweisen. Eine demographische Differenzierung fehlt jedoch ebenso wie eine Analyse wirtschaftlicher und kommerzieller Kontexte. Das Potenzial für Ausbeutung und Manipulation bleibt eine von vielen offenen Fragen der dokumentarischen Liaison mit einem allzu zärtlich untersuchten Thema.
Autor: Lida Bach