Inhalt
Ein aufstrebender Popstar meistert die Komplexität des Ruhms und den Druck der Musikindustrie, während sie sich auf ihr Debüt auf der Arena-Tour vorbereitet.
Kritik
Der titelgebende Augenblick Aidan Zamiris kalkulierten Kino-Debüts markiert nicht irgendeinen diffusen Zeitpunkt der imaginären Ikonographie, sondern den Triumph popkultureller Promotion über Pop-Musik. Letzte scheint nur noch ein Nebenprodukt der strategischen Bewerbung Charli XCXs (The Gallerist) sechsten Studioalbums brat und des darum konstruierten Pseudo-Phänomens “brat summer”. Der als variabler Werbeslogan für brat fungierende Begriff beschreibt eine rücksichts- und reuelose Selbstsicherheit, die Neurosen und Narzissmus feiert und einen Y2K-inspirierten “trashigen” Look anstrebt. Anders formuliert: Verwöhnte Mittelschicht-Kids konsumieren einen von der Unterschicht abgeguckten Stil als „authentischen“ Look und feiern ihre eigene privilegierte Egozentrik.
Wirklich neu oder kreativ ist nichts daran. Weder an jenem künstlich generierten Trend, noch an Zamiris Mix aus Musik Video, Meta-Mythologisierung und Mockumentary. Charli XCXs magnetisiert drin mit Selbstdarstellung (in jedem Sinne) als eine fiktive Version ihrer öffentlichen Persona, umschwärmt von einem Klüngel teils fiktiver Figuren, teils realer Mitglieder ihrer Entourage und einer prominenten Cameo Kylie Jenners. Die schein-satirische Story, in der ihr Team den brat summer endlos weiterlaufen lassen will, während sie selbst langst genug hat, ist eine ironische Inversion der Realität.
Wenn es den brat summer je wirklich gab, ist er längst vergessen, soll aber offenbar künstlich reanimiert werden. Alexander Skarsgård (Pillion) als egomanischer Regisseur Johannes Goodwin, der einen Konzert-Film zu Charlis nächster Show drehen soll, und Rosanna Arquette (Florida Man) als Vertreterin ihres Plattenlabels Atlantic Records liefern amüsante Karikaturen ab. Als Mittelpunkt nahezu jeder Szene feilt Charli XCX bemerkenswert überzeugend an ihrer kommerziellen Kunst-Persona. Selbige ist aufrichtig, brillant, verletzlich, nahbar und fehlbar auf eine dekorative Weise, zugeschnitten auf die Gen Z Zielgruppe. Abkaufen, verkaufen, ausverkaufen: egal, Hauptsache brat kaufen.
Fazit
Dass Aidan Zamiris filmische Fan-Fiction Charli XCXs vermeintlich von Industrie, Medien und Fans vereinnahmtes Image mitformt, ist Teil der inszenatorischen Ironie des hyper-coolen Spektakels. Das folgt der Pop-Diva ohne Rücksicht auf klassische Dramaturgie mit wackeliger Handkamera durch Proben, Meetings und performative Privatmomente. Authentizität wird zur Antithese zeitgenössischer Popkultur erklärt. Krisen, Crashs, Cringe - alles ist Content und Social Media gleichbedeutend mit Social Marketing. Sean Price Williams Kamera verarbeitet grobkörnige Texturen, Überbelichtung, Handy-Clips und Fake News zu einer derivativen Dauerwerbesendung, deren Analyse interessanter ist als der Inhalt.
Autor: Lida Bach