Inhalt
Eine zehnjährige Weltreise dokumentiert die sich ständig verändernden Rekordhalter des Titels des ältesten lebenden Menschen. Was als Porträt der Langlebigkeit beginnt, wird zu einer Meditation über den Lauf der Zeit, die Willkür des Schicksals und die Freude und die tiefgreifende menschliche Erfahrung des Lebens.
Kritik
Warum sind die Menschen so fasziniert von den ältesten lebenden Menschen? Diese Frage steht am Anfang Sam Greens (The Weather Underground) episodischen Dokumentarfilms, der sich noch intensiver mit einer zweiten Frage beschäftigt: Warum ist er selbst so fasziniert von den ältesten Personen der Welt? Der Plural ist bewusst gewählt, denn der Spitzenstatus unter den Senior*innnen ist flüchtig. Sobald eine weltweit älteste Person verstirbt, geht die Würdigung automatisch a die Nächstälteste. Der Tod ist greifbar nahe: für die Rekordhalterinnen, die der Regisseur während des zehnjährigen Entstehungsprozesses seines filmischen Langzeit-Projekts trifft, und für ihn.
Der Grund dafür versteckt sich in einer kurzen Szenen-Collage zu Beginn der in Kapitel benannt nach den interviewten Über-Hundertjährigen unterteilten Handlung. Ein Heimvideo zeigt Green in jungen Jahren mit seinem jüngeren Bruder, der sich ein paar Jahre vor Drehbeginn das Leben nahm. Ein anderes Bild zeigt eine mikroskopische Aufnahme von Zellen. Eine Krebsdiagnose rückt dem Regisseur seine eigene Sterblichkeit bedrückend vor Augen, während Geburt und Heranwachsen seines Sohnes den Begriffen von Zeit, Altern und Vergänglichkeit eine neue Bedeutungsebene gibt. Viel Material, das die konzise Inszenierung organisch zu einem Themenkomplex verknüpft.
Porträts der titelgebenden Seniorinnen, den ältesten Geschwistern der Welt sowie Greens vergleichsweise junger Mutter wachsen zu einer Kontemplation über Leben und Tod als einander bedingende Gegenpole, über Urängste vor körperlichem und mentalem Abbau, Verschwinden und Vergessensein. Die Zeit, welche die Guiness-Buch-Greisinnen bereits gelebt haben, und deren Wandel frühe Fotos und historisches Filmmaterial illustrieren, wird dabei immer mehr zum Abstraktum. In der Ehrung der Altersrekordler*innen spiegelt sich ein Hauch des Mythos von Ewigkeit genauso wie die Angst davor, was Langlebigkeit mit sich bringt: Verluste, Verfall, Vereinsamung. Endlichkeit ist auch ein Trost.
Fazit
Die Ausgangsfrage nach dem gesellschaftlichen Interesse an Altersrekorden beantwortet Sam Greens kurzweilige Mischung aus expositorischer und reflexiver Doku ausgiebig. Andere Fragen des introspektiven Langzeit-Exkurses bleiben jedoch offen: Ist ein langes Leben überhaupt wünschenswert? Welche Faktoren beeinflussen, wie alt jemand werden möchte? Welche demographischen Gruppen erreichen das höchste Alter? Die damit verbundenen Aspekte struktureller und systemischer Ungleichheit, materieller Privilegien und medizinischer Bias umgeht die idealistische Inszenierung. Ebenso verdrängt wird die Kehrseite des methusalemischen Alters; die Wahrnehmung verbleibender Lebenszeit als Last. So nah Green dem Tod kommt, ihn zu konfrontieren wagt er nicht.
Autor: Lida Bach