MB-Kritik

The Roots of Madness 2026

Ulrich Tilgner
Edgar Hagen
Sheikh Adnan Hussein Alaij Al-Jumaili
Yasir Alaiwi Al-Kubaisi
Saad Abbas Bilal
Abari Boullou
Ibrahim Manzo Diallo
Newroz Ahmed
The Fulani of Toumour
Jal Gul
Sanaullah Hashimi
Meriyem Ibrahim
Hasan Koçer
Ari Mouche Mala
Ziad Khalaf Ne’ma
Mohammad Sadiq Patman

Inhalt

40 Jahre lang bereiste Ulrich Tilgner als Reporter für das deutsche Fernsehen den Nahen Osten. Als melancholischer Zeuge kehrt er nun in diese Region zurück, die mit aktivem Zutun der Westmächte zerstört wurde. Gemeinsam mit seinen damaligen Bekannten und Freunden will er das Ausmass eines Desasters abschätzen, das uns Edgar Hagens Film ins vom beschleunigten geopolitischen Tagesgeschehen übersättigte Gedächtnis zurückruft.

Kritik

In einer Ära, in denen Kriege, Klimakatastrophe und wirtschaftliche Krisen weltweit Migration und Vertreibung in einem ungekannten Ausmaß mit sich bringen, und politische Populisten das Thema zum Kampfbegriff machen, versucht Edgar Hagen eine dokumentarische Definition der unterliegenden Ursachen von Flucht. Die gleichsam dringliche und politisch aufgeladene Frage nach den historischen Hintergründen und strukturellen Konstellation globaler Migration fungiert als dramaturgische Direktive einer unebenen Mischung aus geopolitischer Bestandsaufnahme und retrospektiver Reportage. In deren Fokus steht zuallererst der deutsche Journalist Ulrich Tilgner; die Krisenorte hingegen sind Hintergrund. 

Diese dramaturgische Ausrichtung verschiebt auch den thematischen Schwerpunkt der Dokumentation, die nicht objektive Untersuchung durch subjektive Einschätzung ersetzt. Tilgners jahrzehntelange Berichterstattung von Kriegsgebieten und Kampfzonen positioniert ihn als einen Experten, dessen Sichtweise nie hinterfragt oder relativiert wird. Seine Kommentare vor Ort konkurrieren mit der Hintergrunderzählung des Schweizer Regisseurs um die analytische Autorität in einer komplexen Problematik, deren spezifische Situationen die Suggestion einer universellen Antwort fragwürdig erscheinen lassen. Doch die journalistische Perspektive präsentiert sich als losgelöst von den kolonialistischen Einflüssen, die an allen Schauplätze nachwirken. 

Afghanistan, Irak, Syrien und Niger verbinden die Nachwirkungen westlicher Intervention, deren strategische Parallelen und imperialistische Ideologien indes nur vage angedeutet werden. Bezeichnenderweise geschieht dies durch die Menschen aus den umkämpften gebieten, die in einer Handvoll knapper Interviews tiefergehende Einblicke liefern als die gebündelten Kommentare Hagens und Tilgners. So sind auch die beklemmendsten Bilder Archivaufnahmen, die sich jedoch nie zu einem historischen Gesamtbild verdichten. Jede der filmischen Stationen ist nur genau das: ein Zwischenstopp auf einer vorgezeichneten dokumentarischen Strecke, die bekannte Probleme aufzeigt, aber keine neuen Erkenntnisse. 

Fazit

Der mehrdeutige Titel Edgar Hagens Geflecht aus expositioneller, performativer und partizipatorischer Dokumentation, die auf der 57. Ausgabe von Visions du Réel im Wettbewerb premiert, ist ebenso zwiespältig wie dessen perspektivische Prioritäten. Mit ihrer Kombination von Archivaufnahmen, Reporter-Kommentar und Kurzinterviews stellt sich die Inszenierung nicht nur formal in die Tradition klassischer Fernsehreportagen. Auch die Inhalte scheinen geprägt von einem eurozentrischen Blick aus der Distanz, die weder emotional noch analytisch überwunden wird. Die Erfahrung der unmittelbar Betroffenen bleibt nachrangig in einer Reportage, die mehr an sich selbst interessiert wirkt, als an ihrer Prämisse. 

Autor: Lida Bach
Diese Seite verwendet Cookies. Akzeptieren.