Inhalt
Eine scharfsinnige Kartierung der Bruchlinien auf der Weltkarte des 21. Jahrhunderts. Machtpolitik, Migration und Überwachung sind gewalttätige Kräfte in einem globalen Drama, das mit scharfer künstlerischer Vision dargestellt wird.
Kritik
Der titelgebende Begriff Kenya-Jade Pintos enthüllenden Dokumentarfilms, der im Wettbewerb von CPH:DOX seine Premiere feiert, klingt nach Spiel und Experimentierfreude. Eine zynische Konnotation angesichts des sich dahinter verbergenden grausamen Systems. Mit der politischen Präzision und informativen Hintergründigkeit einer Investigativ-Reportage richtet die Journalistin und Regisseurin den filmischen Fokus auf die militärischen Methoden und technologischen Testmodule geopolitischer Grenzkontrolle. Die griechische Küste und die Wüste zwischen den USA und Mexiko erscheinen verstörend spiegelgleich in ihrer Überwachung Kontrolle durch AI.
Moral, Mitgefühl und Menschlichkeit selbst werden zum kompromittierenden Faktor in der aggressiven Abschottung gegen Schutz suchende Menschen. Deren Rettung wird für Hilfsorganisationen zu einem immer riskanteren und herausfordernderen Unterfangen in einer Welt, in der Drohnen, Roboter-Hunde und elektronische Zäune eine dystopische Vision menschenfeindlicher Migrationskontrolle. Berichte Überlebender, Augenzeug*innen und Aktivist*innen offenbaren ein erschütterndes Bild der inhumanen Strategien. In den mediterranen Gewässern werden Boote voller Geflüchteter gezielt zum Kentern gebracht während die Wüste Arizonas für zahllose Menschen zum Todesstreifen wird.
Als militärischer Jargon für ein virtuelles Areal, indem neue Technologien getestet werden, ohne Leben zu gefährden, verweist der Titel auf die Entmenschlichung der ungezählten Opfer jener Systeme. Von Waffenmessen in den USA bis zu den hochgerüsteten Grenzen Europas ist die Technologisierung und Militarisierung nur ein Teil einer beunruhigenden Ausweitung staatlicher Überwachung. Streng strukturiert und formal kühl, katalysieren die Aufnahmen die beunruhigende Aura inhumaner Innovation und technologischen Totalitarismus. Gerade die emotionale Distanz der klinischen Ästhetik macht die ethischen Abgründe einer im doppelten Sinn inhumanen Technik spürbar.
Fazit
In ihrer dokumentarischen Demaskierung der verborgenen Prozesse internationaler Sicherheitskonzepte und globaler Migrationsmaßnahmen zeigt Kenya-Jade Pinto die technokratischen Auswüchse einer Grenzpolitik, in der Menschen auf beiden Seiten als Störfaktor erscheinen. Jene abstrakte Analyse brechen immer wieder die Erfahrungen der Menschen, die mit den skrupellosen Systemen konfrontiert wurden. Drohnen-Aufnahmen massiv überwachter Zonen, infrarotähnliche Nachtbilder und Messehallen voller futuristischer Fabrikate zeigen die autoritären Auswüchse einer von Reaktionsmus bestimmten Zukunft. Ein durch populistische Panikmache scheinbar legitimiertes Sicherheitskonstrukt zieht die rigorosen Trennlinien in einem globalisierten Imperialismus.
Autor: Lida Bach