6.5

MB-Kritik

Weiße Zeit der Dürre 1989

Mystery, Drama, Thriller – USA

6.5

Donald Sutherland
Janet Suzman
Zakes Mokae
Jürgen Prochnow
Susan Sarandon
Marlon Brando
Winston Ntshona
Sello Maake Ka-Ncube
Thoko Ntshinga
Stephen Hanly
Leonard Maguire
Gerard Thoolen
Charles Pillai
Andrew Proctor
Susannah Harker
Kevin Johnson

Inhalt

Soweto, Südafrika, 1976. Bei einer friedlichen Demonstration wird ein schwarzer Junge verhaftet, dann mißhandelt. Sein Vater, ein gutmütiger Schulgärtner, wendet sich hilfesuchend an den weißen Lehrer Du Toit, der beschwichtigt. Als sowohl der Inhaftierte, als auch dessen Vater unter mysteriösen Umständen verschwinden, beginnt Du Toit zu kämpfen. Mit der Hilfe eines engagierten Anwalts zieht er vor Gericht und manövriert sich damit zunehmend ins soziale Abseits der rassistischen Gesellschaft.

Kritik

Der Begriff „Herzensprojekt“ wird ja gerne inflationär in den Raum geworfen, aber auf Weiße Zeit der Dürre trifft dies wohl nachweislich zu. Regie führte die auf Martinque geborene Französin Euzhan Palcy, der für ihren erst zweiten Spielfilm nach ihrem preisgekrönten Debüt Die Straße der Negerhütten (1983) nur sehr wenig finanzielle Mittel zur Verfügung standen. Dennoch gelang es ihr (im Übrigen die erste dunkelhäutige Regisseurin, die einen Hollywood-Film inszenieren konnte), etliche namenhafte Darsteller*innen zu verpflichten. Neben Donald Sutherland (Moonfall), Susan Sarandon (Dead Man Walking) und Jürgen Prochnow (Das Boot) sorgte vor allem ein Name für riesiges Aufsehen: das in die Jahre gekommen Enfant Terrible Marlon Brando (Der Pate), der seinen ersten Film seit neun Jahren drehte. Damit dies überhaupt möglich war, verzichteten die Stars auf ihre üblichen Gagen. Brando bekam für seinen Auftritt z.B. schlappe 4.000 $, die er im Anschluss auch noch spendete. Der persönliche Lohn für ihn war neben dem Darstellerpreis auf dem Tokyo International Film Festival 1989 auch eine Oscar-Nominierung als Bester Nebendarsteller. 

Zugrunde liegt der Aufstand von Schulkindern im südafrikanischen Soweto im Jahr 1976, die für eine faire Chance auf Bildung und Gleichberechtigung protestierten. Bei dessen brutaler Niederschlagung durch das Apartheid-Regime wurden hunderte von Menschen – davon viele Kinder – direkt getötet oder später in Haft zu Tode gefoltert. Diese Ereignisse dienen als Hintergrund einer ansonsten fiktiven Handlung mit ebenso fiktiven Figuren, in deren Mittelpunkt der Lehrer Ben du Toit (Donald Sutherland) steht. Er und seine Familie gehören zur privilegierten, weißen Oberschicht in Südafrika und offensichtlich ist er trotz seiner Bildung und sogar einem zumindest oberflächlich-freundschaftlichen, wenigstens gönnerhaften Kontakt zu dem farbigen Schulgärtner Gordon (Winston Ntshona, Blood Diamond) überhaupt nicht im Bilde, was in dem Land wirklich vor sich geht. Erst als zunächst dessen Sohn Jonathan und später auch Winston selbst inhaftiert werden und kurz darauf versterben, werden Ben nicht nur die Augen geöffnet, sondern er beginnt einen medienwirksamen Rechtsstreit gegen das System, was ihn nicht nur gesellschaftlich massiv ins Abseits stellt, sondern auch sein Leben konkret gefährdet.

Weiße Zeit der Dürre ist unbestreitbar ein immens wichtiger Film und seine engagierte Entstehungsgeschichte samt aller Hintergründe aller Ehren wert. Schonungslos und mit aller angemessenen Grausamkeit werden die Verbrechen der Apartheit-Regierung abgebildet, die zur Entstehungs- und Veröffentlichungszeitraum des Films ja noch so existierte. Niemand geringeres als Südafrikas späterer Präsident Nelson Mandela lobte den Film für seine realistische Darstellung der verübten Gräueltaten, die er während seiner jahrelangen Inhaftierung selbst am eigenen Leib erlebt hatte. Dem ist wohl nicht hinzuzufügen und auch ein eventueller Vorwurf von reißerischer Plakativität greift da nicht, denn selbst wenn das dadurch entstehende Shock-Value ein Stückweit auch einen kalkulierten Zweck erfüllt, es muss genauso explizit dargestellt werden. Schließlich handelte es sich um einen immer noch aktuellen Zustand, auf den die Weltöffentlichkeit dringend aufmerksam gemacht werden musste und das geschieht nun mal am besten, in dem man nichts ausspart. In seiner Intensität, Brutalität und seinem Appell an den Gerechtigkeitssinn trifft der Film auch exakt in die Magengrube. Er prangert Missstände unverblümt an und verpackt dies in einen effizienten Plot, der aber nicht unbedingt sehr elegant oder differenziert daherkommt und somit speziell im letzten Akt sogar einen nicht vorteilhaften, leicht exploitativen Beigeschmack bekommt.

Die Figurenzeichnung ist sehr eindimensional und wirkt mit dem groben Pinsel skizziert. Die Figur von Donald Sutherland wird vom komplett blauäugigen Naivling zum engagierten Freiheitskämpfer, während seine (fast) komplette Familie sich den Gegebenheiten sehr wohl bewusst war und die Figuren die Rolle der entweder bitterbösen, weißen Herrenrasse oder der geläuterten Philanthropen ohne Schwarz und Weiß konsequent durchziehen. Hier gibt es keine Zwischentöne, keinen detailierten Diskurs über einen vielschichtigen Gewissenskonflikt, nur konsequent das Eine oder eben das Andere. Im Schlussspurt hat das mehr was von Thriller als Gesellschaftsdrama, inklusive eines etwas fragwürdigem Auge-um-Auge-Finale, in das man aber mit gutem Willen hineininterpretieren kann, dass Gewalt nun mal Gegengewalt erzeugt und Ausweglosigkeit zu so hilflosen Methoden führt.

Auffällig für das nicht immer optimale Script ist auch die Rolle von Susan Sarandon, deren Part auch eher nur theoretische Relevants besitzt und ihre Screentime entsprechend knapp ausfällt. Da holt Marlon Brando aus seinen ebenso begrenzten Minuten (um die zehn) deutlich mehr heraus. Der inzwischen sehr voluminöse Star kann sich zwar nur mit Mühe auf den Beinen halten, hinterlässt in der Kürze der Zeit wirklich Eindruck. Nicht so wie unter ähnlichen Gegebenheiten in Apocalypse Now, aber immerhin. Donald Sutherland und Jürgen Prochnow haben da deutlich mehr Zeit um zu glänzen, was sich auch tun, obgleich Prochnow natürlich dem Fluch unterliegt, als eiskalter Faschist vom Dienst mal wieder den typisch Deutschen in Hollywood zu geben. Was seine persönliche Leistung aber keinesfalls schmälern soll. 

Fazit

In seinen Feinheiten – sowohl handwerklich als auch narrativ – wirkt der Film leider hier und da etwas ungeschickt grobschlächtig, seiner glaubhaft-humanistischen Intention schadet dies aber nicht. Packend ist der Film an den entscheidenden Stellen absolut und auch mitreißend genug, dass man gewisse Makel zwar nicht übersieht, sie ihn aber auch nicht extrem runterziehen. Alles andere als perfekt, nichtsdestotrotz aber sehenswert.

Autor: Jacko Kunze
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