MB-Kritik

YO (Love Is A Rebellious Bird) 2026

Documentary

Yolanda Shea

Inhalt

Nach dem Tod ihrer Freundin widmet Anna zehn Jahre dem Bau eines detailgetreuen Modells von deren Haus im Maßstab 1:3, das gerade groß genug ist, damit Anna sich durch die Tür quetschen kann. In dem Haus lebt eine Puppenversion ihrer Freundin Yo. Als die beiden sich kennenlernten, war Yo 73 Jahre alt und Anna gerade einmal 24. Ungeachtet des großen Altersunterschieds und der erheblich unterschiedlichen Lebenserfahrung entwickelte sich zwischen ihnen eine tiefe Verbundenheit. Mit dem Miniaturhaus hat Anna einen magischen Ort geschaffen, an dem sich Yos Geschichte weiter entfalten und ihre Beziehung fortbestehen kann.

Kritik

Ein Grusel-Puppenhaus der toten Freundin wird in Anna Fitchs (Survivors) morbidem memento Mori zum Archiv eines Lebens und zu einer Bühne, auf der sich Vergangenheit und Gegenwart überlagern. Das experimentelle Porträt, das im Wettbewerb der 76. Berlinale mit einem Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung ausgezeichnet wurde, rekonstruiert Yolanda Sheas, aka Yos bewegtes Leben parallel als Leinwand-Biographie und aufwendigen Modellbau. Auch wenn der filmische Nachruf auf ihre langjährige Freundin und Titelfigur  weniger deren Biographie als Fitchs Basteltalent ausstellt, entfaltet die kinematische Kunstinstallation einen fetischistischen Reiz.

Bis kurz vor Yos Tod war die Regisseurin mit der freigeistigen Schweizer Immigrantin eng befreundet. Als sie sich kennenlernen, ist Anna Mitte zwanzig, Yo bereits über siebzig. Der beachtliche Altersunterschied zwischen beiden war dabei kein Hindernis. Über fast zwei Jahrzehnte wächst zwischen ihnen eine tiefe Verbindung, begleitet von Gesprächen über Kunst, Umbrüche und Yos rebellisches Leben abseits gesellschaftlicher Erwartungen. “When she died, I wasn’t ready”, sagt Fitch wiederholt in ihrem kreativen Hybrid aus Movie, Modellbau und Memoire. 

Jener ist Würdigung beider Freundschaft und vergeblicher Versuch, diese über den Tod hinaus festzuhalten. Unfähig, das bereits gedrehte Material aus ihrem letzten Lebensjahr sofort zu sichten, beginnt Anna stattdessen ein ebenso zärtliches wie verstörendes Projekt: Sie baut über Jahre hinweg eine detailgetreue Miniatur-Version von Yos Haus im Maßstab 1:3; groß genug, dass sie selbst hineinkriechen kann. In dieser künstlichen Architektur „lebt“ eine Yo-Puppe, die Fitch durch die Räume bewegt. Das Basteln dieser bemerkenswert akkurate Attrappe Yos Hauses wird zur exzentrischen Ergo-Therapie.

Fazit

Aus Heim-Videos, alten Fotos, Puppenspiel, Miniatur-Sets und animierten Sequenzen bastelt Anna Fitch ein psychopathologisches Pendant ihrer verstorbenen Freundin. Ein Szenario reif für einen Horrorfilm, aber dennoch seltsam rührend in seiner Hingabe und aufrichtigen Betroffenheit. Im Kontrast dazu zeigen die Aufnahmen der realen Yo, die mit ironischer Direktheit über ihre Vergangenheit spricht, vor laufender Kamera Marihuana dealt, und ungerührt ihr absehbares Ableben diskutiert, berührende Fragmente eines faszinierenden Lebens. Trauer wird greifbar als produktiver Prozess der wortwörtlichen Konstruktion von Erinnerungen. 

Autor: Lida Bach
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