Asiatischer Episodenhorror, Runde 2. Nach Sam gang (Three…Nightmares), bei dem bereits drei Regisseure aus verschiedenen Ländern jeweils eine Episode beisteuerten, bereitet Three…Extremes dasselbe Konzept erneut auf. Diesmal gebührte die Ehre dem Japaner Takashi Miike (Audition), dem Südkoreaner Park Chan-wook (Oldboy) und dem Chinesen Fruit Chan (The Midnight After). Kurzum: Der High Society des asiatischen Genre-Kinos. Herausgekommen ist – wie immer bei solchen Anthology-Projekten – eine bunte und sehr abwechslungsreiche Mischung, die nicht immer auf einem vergleichbar starken Niveau daherkommt, aber speziell durch die Summe seiner Teile ihren Reiz bezieht. Den Anfang macht in der deutschen Version (international ist die Reihenfolge geändert, warum auch immer) der vielleicht extremste der drei Extremisten, der berühmt berüchtigte Takashi Miike, mit dem (rein subjektiv) besten Beitrag direkt zum Start.
„Box“ – Kindheitstrauma aus der Kiste
Die erfolgreiche Schriftstellerin Kyoko ist Nacht für Nacht geplagt von grausamen Albträumen, in denen sie von einem fremden Mann in Folie gehüllt und lebendig begraben wird. Als auch tagsüber geisterhafte Erscheinungen dazukommen, öffnet sich langsam eine Tür zu ihrem Unterbewusstsein, hinter der sich ein traumatisches Erlebnis ihrer Kindheit verbirgt. In einem unterkühlt-verschneiten Setting scheint Takashi Miike zunächst einen typischen J-Geister-Horror vortragen zu wollen, nur um das Geheimnis in der Kürze der Zeit (jede Episode hat grob 40 Minuten Screentime) geschickt in eine ganz andere Richtung zu manövrieren. Wo die Reise letztendlich hingehet, soll an dieser Stelle natürlich nicht verraten, sondern im Idealfall selbst erlebt werden. Nur so viel: Diese Episode lotet das Potential dieses Konzepts nahezu ideal aus, da mit Erwartungshaltungen und Genrekonventionen gespielt und die kompakte Laufzeit zum eigenen Vorteil genutzt wird. In Spielfilmlänge wäre das vermutlich zu dünn oder müsste sich noch mehr einfallen lassen, so ist das mit seiner smarten Pointe exakt auf den Punkt und vermittelt perfekt diesen Geschichten aus der Gruft-Flair, nur eben im gewohnt kontroversen und mutigen Miike-Style. Ein starker Auftakt, der nur schwer zu toppen ist.
„Dumplings“ – Jugend geht durch den Magen
Fruit Chans Beitrag dürfte der für die breite Masse zugänglichste Beitrag sein, was ihn nicht weniger kontrovers macht. Eher im Gegenteil. Die im goldenen Ehe-Käfig unglücklich gefangene Schauspielerin Li steht vor den Trümmern ihrer Existenz. Ihre Karriere ist nur noch ein Echo, ihr Mann betrügt sie, sie sehnt sich verzweifelt nach Jugend und Ruhm zurück. Das führt sie zu Mei (Bai Ling, The Crow – Die Krähe), die ganz besondere Teigtaschen zubereitet. Die exklusive Füllung – die sie direkt von einer Neugeborenenstation des heimischen Krankenhauses bezieht – wird fein gehakt und frisch zubereitet, damit ihrer Kundinnen unmittelbar die Essenz des Lebens in sich aufnehmen. Das nimmt nicht nur Formen einer Drogensucht an, sondern führt auch noch zu ungeahnten Nebenwirkungen. Das ist definitiv nichts für empathische Mägen und ist weit weniger subtil als noch „Box“, diese Geschichte will mit voller Absicht verstören. Fruit Chan inszenierte im Anschluss mit Dumplings – Delikate Versuchungen direkt eine Langfilmversion davon und dies macht aufgrund des Potentials durchaus Sinn, wirkt im Vergleich aber etwas plakativer und weniger clever. Bleibt dennoch hängen, keine Frage.
„Cut“ – Licht, Kamera…Tot!
Der erfolgreiche Horrorfilmregisseur Ryu (Lee Byung-hun, No Other Choice) wird niedergeschlagen und erwacht in dem Set seines neusten Films. Seine Ehefrau ist an ihr Arbeitsinstrument, ein Piano, gefesselt und ihr Peiniger entpuppt sich als ein ehemaliger Statist seiner Filme. Der offenbar dem Wahnsinn verfallene Mann droht Ryus Frau zu Tode zu foltern, wenn dieser im Gegenzug nicht ein entführtes Kind erwürgt. In der moralischen Zwickmühle versucht der hilflose Regisseur, seinen Peiniger mit umgekehrter Psychologie zu überlisten, doch das erweist sich als äußerst kompliziert und risikobehaftet. Der damals schon international gefeierte Park Chan-wook liefert die skurrilste und diskutabelste Episode ab, die eine sadistische Prämisse mit surrealem und pechschwarzem Humor vereint. Das ist hochwertig inszeniert und steckt bis zum Schluss voller unvorhersehbaren Überraschungen, bietet aber im Gegenzug die am wenigsten greifbaren Konsequenzen. Wie ein sonderbarer Scherz, dafür exzellent umgesetzt.