In einem deutschen Dorf gegen Ende des Krieges versuchen Frauen, den Alltag aufrechtzuerhalten, während am Fluss Leichen auftauchen. Als der Befehl ergeht, für die anrückenden Russen keine Deutschen am Leben zu lassen, stehen die Dorfbewohner vor brutalen Entscheidungen zwischen Überleben und Menschlichkeit.
Kritik
Ein einsames Haus am Rande des Friedhofs, an dessen Tür es nachts plötzlich klopft. Als dessen junge Bewohnerin Greta (Jella Haase, Der perfekte Urlaub) öffnet, steht dort ein Mann aus dem Dorf und überreicht ihr ein menschliches Herz. Es gehört ihrem Verlobten, der an der Front gefallen ist. „Er starb den Heldentod.“, verkündet Bürgermeister Walter (Lukas Miko, Dracula) am Folgetag auf Gretas Hochzeit, bei der ihren toten Bräutigam dessen Helm repräsentiert. Greta heiratet den Tod und zugleich den Krieg, die austauschbar geworden sind in Tony Vahls gespenstischem Historienstück.
Dessen düsterer Schauplatz ist ein namenloser Ort im Osten Deutschlands im Frühjahr 1945. der Krieg ist verloren, steht auf von den Alliierten abgeworfenen Flugblättern, doch Gretas Kollegin in der Wäscherei will das nicht glauben. Der Krieg könne erst vorbei sein, wenn Deutschland gewonnen hat. Doch auch sie sieht die grimmigen Vorzeichen; Donner in der Ferne, der immer näher rückt, blutgetränkte Laken, ein geflohener Soldat, der sterbend vor der Rache des Feindes warnt und klagt, dass er zum Monster geworden ist: „Ich bin doch ein guter Mensch!“
Das denken von sich auch die Anwohner*innen, die dennoch „fürs Vaterland“ gebetsartig im Chor intonieren, als Walter ihnen den letzten Ausweg aufzeigt. Der Schullehrer (Clemens Schick, Rave On), der heimlich „Feindsender“ hört, lehrt die Klasse, einen Galgenstrick zu knoten. Wenn ein Dorfbewohner junge Kätzchen ertränkt, bemerkt eines der zuschauenden Kinder, es sei besser so. Der Horizont verfärbt sich rot gleich einer Vorahnung der Hölle, die Lebende und Tote erwartet. Immer mehr Leichen tauchen auf, die der Priester Albert (Martin Wuttke) nicht auf dem Friedhof begraben lässt.
Dass ausgerechnet die mit den Nazis verbündete Kirche als ethische Widerstandskraft erscheint, ist eine rare Dissonanz in der elegischen Komposition. Piotr Sobociński, Jr.s kongeniale Kameraaufnahmen erfasst die von Hoffnungslosigkeit und Verrohung geprägte Welt in den stimmungsvollen Szenengemälden einer Schauerballade. Morbide Metaphern vermischen Märchenmotive mit bäuerlichem Brauchtum, das inmitten schleichenden Schreckens Bilder von finstere Poesie findet. Differenzierte Darstellungen stützen die psychologische Balance zwischen archetypischen Figuren und Individuen. Deren örtlich und ideologisch gleichsam beschränkter Mikrokosmos weckt Mitleid und Abscheu mit ihrer faschistischen Fanatik bis zu letzten Atemzug.
Fazit
Schwarzromantische Schauerstimmung umfängt Tony Vahls hypnotische Horror-Vision, die nach ihrer Premiere in Toronto im Wettbewerb von San Sebastián läuft. Inspiriert von klassischer Malerei und romantischer Dichtung ersteht ein unheimliches Märchen. Dessen tragische Ereignisse verarbeiten das Tabuthema der Selbstmordwelle in Deutschland gen Ende des Zweiten Weltkriegs erstmalig in fiktionalisierter Form. Empathie und instinktive Abscheu verschmelzen in dem atmosphärisch dichten Regie-Debüt, das Verrohung und Hoffnungslosigkeit des soziologischen Kontexts schon vor dem Entschluss zum kollektiven Suizid greifbar macht. Ein dramaturgischer Danse Macabre von Genre-Kino und Geschichtsstunde über menschliche Monstrosität.