7.4

MB-Kritik

New World - Zwischen den Fronten 2013

Action, Drama, Crime, Thriller – South Korea

7.4

Lee Jung-jae
Choi Min-sik
Jeong-min Hwang
Seong-Woong Park
Song Ji-hyo
Kim Yoon-sung
Na Kwang-hoon
Seo-yeon Park
Choi Il-hwa
Jin-Mo Joo
Jang Gwang
Kwon Tae-won
Kim Hong-pa
Seung-bu Lee
Kim Byeong-ok
Woo Jung-kook

Inhalt

Schöne neue Welt: Nachdem der Chef des kriminellen wie mächtigen Gooldmoon-Kartells bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt, entbrennt innerhalb der Mafia-Strukturen ein Machtkampf um die Nachfolge. Während hierbei der pompös lebende wie leichtfüßige Jeong Cheong (Jeong-min Hwang) vornehmlich aufs abwarten setzt, geht unterdessen sein Kontrahent Lee Jung-gu (Seong-Woong Park) mit brutaler Gewalt vor. In all diesen Wirren versucht auch Jeong Cheongs zweite Hand Lee Ja-seong (Lee Jeong-jae) zu überleben. Und zwar in doppelter Hinsicht: Denn Lee ist ein Undercover-Cop im Auftrag des skrupellosen Polizeichefs Kang (Min-sik Choi), der ebenfalls seine eigenen perfiden Pläne verfolgt. Schließlich gerät Lee so zwischen die blutigen Fronten…

Kritik

Traue niemanden: Dies hatten 2002 die Regisseure Wai-keung Lau und Alan Mak mit ihren eindringlichen, spannenden und höchst dramatischen "Infernal Affairs - Die achte Hölle" auf meisterliche Weise bewiesen. Kein Wunder also, dass das Versteck-Spiel zwischen Cop und Gangster zu einem Klassiker des Genres und kurzerhand im Jahre 2006 von Martin Scorsese ("Departed - Unter Feinden") in einem beeindruckenden Remake neu verfilmt wurde. Es ist die Suche nach der "Ratte" die fasziniert, die Frage nach dem wie weit man gehen würde. Und natürlich auch die Situation an sich, die den Undercover-Agent zur wahren Verzweiflung bringt. Nichts ist gewiss, nichts vorhersehbar, alles möglich. Da war es dann natürlich schwer, nach diesen Werken überhaupt wieder Fuß in dem Genre zu fassen und so blieben selbst die beiden Nachfolger der "Infernal Affairs"-Reihe hinter ihrem Erstling zurück. Nun wagt sich allerdings der südkoreanische Debüt-Regisseur und Drehbuchautor Hoon-jung Park an die Thematik. Mit dem düsteren, unnachgiebigen wie höchst verstörenden "I Saw the Devil" konnte sich dieser unterdessen längst einen Namen international machen und so Blicken daher seine Fans gespannt auf sein Projekt "New World". Und ja, dieses bittersüße wie nüchtern erzählte (aber dafür nicht minder blutige) Mafia-Werk ist eine erneute Meisterleistung…

Der Titel ist hierbei keineswegs eine Laune, sondern viel eher Zynismus pur: Regisseur Hoon-jung Park zeigt eine Welt auf, die von einer konzernartigen Mafia-Struktur dominiert wird, in der Ehre, Respekt, Gewalt, Bestechung sowie bedingungslose Unterwerfung nebenher existieren. Um gegen solch eine Dominanz anzukämpfen, bedarf es natürlich einer Polizei, die ebenfalls nicht vor brutalen wie arglistigen Manövern zurückschreckt. Stirbt dann auch noch der Mafia-Boss und lässt die Frage der Nachfolge offen, ergibt dies eine explosive Situation, in der gerade ein Doppelagent schnell seinen Kopf verlieren könnte: Willkommen in "New World". Und gerade diese höchst brisante Ausgangsformel ist es dann auch, die die wahre Faszination der Geschichte ausmacht. Denn Regisseur Hoon-jung Park lässt sich bei seinem Mafia-Epos wahrlich Zeit, jedwede Handlung exakt ausführen zu lassen, Dialoge haarklein zu präsentieren und jeder Figur genügend Luft und Raum zur Entfaltung zu lassen, ohne dass hierbei je Langeweile aufkommt. Die Fronten sind unterdessen schnell verteilt: Auf der einen Seite Lee Ja-seong in der Entscheidung zwischen Cop und Gangster, auf den anderen Seite die skrupellosen Kontrahenten im Streit um die Nachfolge sowie die Polizei, welche in Form des Polizeichefs Kang gerne auch Bauern opfert. Doch wer nun glaubt, dass bereits jetzt das Finale ersichtlich ist, wird bei der meisterlichen Erzählung von Hoon-jung Park eines besseren belehrt.

Und so lebt "New World" hauptsächlich von seinen tiefen Charakteren: Hinter jeder Figur steckt eine Motivation, eine gerissene Strategie sowie die Hoffnung, die aktuelle Situation zum Besten werden zu lassen. Täuschung, Gewalt, Bestechung, Drohungen, Manipulation sowie unzählige überaschende Offenbarungen ergeben einen Sog, dessen man sich als Zuschauer nicht erwehren kann. Und Regisseur Hoon-jung Park gelingt es zudem (trotz kleineren Over-Acting Situationen) eine unglaublich spannende Szenerie zu erzeugen, die nicht nur sehr realistisch wirkt, sondern auch gerade in der Mitte sowie zum Ende hin für überwältigende Gewaltausbrüche sorgt, die den Zuschauer Fassungslos zurücklassen. Und auch die vielen Dialoge sind keineswegs Füllwerk. Scharf, intelligent, zynisch sowie stets mit einem derben Ton untermalt, sind sie klares Kernstück des Schauspiels. Dies zusammen mit den grandiosen schauspielerischen Leistungen zeigt ein Mafia-Epos auf, welches einem "Pate" in nichts nachsteht. Wie eine Mischung aus "Infernal Affairs" "A Bittersweet Life" sowie "Outrage" gibt es so Kino in seiner besten Form.

Doch Regisseur Hoon-jung Park ist nicht nur für seine tiefen, bewegenden, dramatischen wie äußerst spannenden Geschichten bekannt, sondern auch für den visuellen Stil, den seine Drehbücher ausmachen. Und so wirkt auch "New World" wie ein kleines Kunstwerk. Seien es die riesigen anonymen Stadtbilder, die vielen Dialoge oder gerade die exzessiven Gewaltausbrüche, alles wird durch Kameramann Chung-hoon Chung ("Oldboy") perfekt in Szene gesetzt. Und da wundert es auch kaum, dass gerade die blutigen Szenen eine visuelle Pracht entfalten, die schlichtweg atemberaubend sind und somit einem "Oldboy"-Hammer-Auftritt in nichts nachstehen.

Und schließlich erweist sich auch das Finale als Kunststück. Der Titel kommt hierbei einmal mehr zum tragen und offenbart eine Wendung, die in kleineren Momenten zwar vorhersehbar erscheint, letztlich jedoch wie ein Faustschlag wirkt. Zu verdanken ist dies nicht nur der vorhergehenden sorgfältigen Erzählung und des Charakteraufbaus, sondern auch gerade dem schauspielerischen Geschick aller Darsteller. Gerade "Oldboy"-Star Min-sik Choi darf als rauer, rauchender wie höhnischer Kommissar brillieren, während Lee Jeong-jae in seinem ersten Film eine beeindruckende Leistung als Doppelagent abliefert. Stets ist ihm die innere Zerrissenheit anzusehen, die Angst, die Verzweiflung und teils auch die Wut. Somit bietet "New World" ein Charakterspiel, welches wie einst "Infernal Affairs" von seiner feinen Mimik und Gestik lebt.

Fazit

"New World" hätte leicht eine fade, langweilige wie bekannte Cop-Gangster-Studie werden können. Jedoch zeigt sich Drehbuchautor Hoon-jung Park einmal mehr von seiner stärksten Seite: Somit ist das Mafia-Epos tiefsinnig, gefährlich, äußerst spannend, elektrisierend, überraschend sowie visuell beeindruckend zugleich. Trotz seiner 134 Minuten gibt es ein meisterliches Schauspiel zu bestaunen, welches eine Welt offenbart, in der man letztlich niemanden trauen kann. Und dies zeigt erneut, in Sachen Thriller ist aktuell Südkorea unschlagbar.

Autor: Thomas Repenning
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