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MB-Meinung: Uwe Boll lebt nicht von seinen Filmen – sondern von unserer Empörung

Stu

Von Stu

Quelle: MB
Bildnachweis: © Splendid | Szene aus "Rampage - Capital Punishment"

Es gab eine Zeit, da hatte Uwe Boll einen gewissen Unterhaltungswert, war für Erfahrungen wir diese zuständig, – und das hatte erstaunlich wenig mit seinen Filmen zu tun. Der Regisseur war eine öffentliche Figur, die Kritiker*innen zu Boxkämpfen herausforderte, sich lautstark gegen Verrisse wehrte und jede noch so absurde Schlagzeile dankbar mitnahm. Man konnte darüber lachen, den Kopf schütteln oder beides gleichzeitig tun. Rückblickend war dieses Schauspiel oft interessanter als die Filme selbst. Doch diese Zeit ist vorbei. Deshalb ist dieser Text ausdrücklich eine Meinung: Wer Boll heute noch als missverstandenen Provokateur betrachtet, verkennt, dass seine eigentliche Begabung längst nicht mehr im Filmemachen liegt. Sie besteht darin, Aufmerksamkeit zu erzeugen – um jeden Preis.

Der Provokateur ist tot, es lebt der Troll

Dass Boll nie der "schlechteste Regisseur aller Zeiten" war, sollte man der Fairness halber festhalten. Dieser Titel war schon immer ein bequemer Kalauer. Es gibt unzählige schlechtere Filmemacher*innen, die lediglich nie dieselbe Öffentlichkeit erreichten. Gleichzeitig war Boll aber eben auch nie ein Martin Scorsese oder Akira Kurosawa. Seine Stärke lag weder in der Inszenierung noch im Erzählen großer Geschichten. Er war stets eher Handwerker als Künstler und mindestens genauso sehr Buchhalter wie Regisseur. Viele seiner Projekte entstanden aus wirtschaftlichen Überlegungen und geschicktem Marketing.

Heute scheint selbst das Kino nur noch Mittel zum Zweck zu sein. Boll weiß genau, welche Themen Debatten auslösen, welche Schlagwörter sich verbreiten und wie sich Empörung in kostenlose Werbung verwandeln lässt. Seine Filme wirken längst nicht mehr wie Werke, die erzählt werden mussten, sondern wie kalkulierte Reizobjekte. Wer sich über sie aufregt, spielt das Spiel bereits mit.

"Hanau" und "Citizen Vigilante": Hauptsache maximale Empörung

Das wurde schon bei Hanau deutlich. Der Film wollte Wut erzeugen, schaffte aber kaum mehr als eine bebilderte Chronologie eines schrecklichen Verbrechens. Er zeigte Gewalt, ohne deren emotionale Wucht erfahrbar zu machen. Die eigentliche Ohnmacht, die ein Terroranschlag hinterlässt, fehlte vollständig. Übrig blieb ein Werk, das eher an eine Schulstunde erinnerte als an einen Film.

Mit Citizen Vigilante treibt Boll diese Entwicklung endgültig auf die Spitze. Armie Hammer (Call Me by Your Name) spielt einen wohlhabenden Geschäftsmann, der als Selbstjustiz-Rächer quer durch Europa gewalttätige Migranten und korrupte Funktionäre tötet – im Grunde eine Variation von Ein Mann sieht rot, nur mit muslimischen Antagonisten. Boll selbst bezeichnete den Film als düsteres Gewaltstück über die Lage Europas mit Vergewaltigungen und Messerangriffen. Tatsächlich macht der Film aus seiner Botschaft überhaupt keinen Hehl. Er fordert seine Zuschauer*innen geradezu auf, sich gegen Migration zur Wehr zu setzen – notfalls mit Gewalt.

Wer Citizen Vigilante gesehen hat, dürfte deshalb kaum überrascht sein, dass die FSK dem Film die Freigabe verweigerte. Wenn Boll behauptet, dies sei geschehen, weil der Film zu Gewalt gegen Migrant*innen anstifte, dann ist das nach meinem Eindruck keine besonders gewagte Interpretation, sondern ziemlich genau das, was der Film über weite Strecken vermittelt. Differenzierung findet praktisch nicht statt. Komplexe gesellschaftliche Fragen werden auf einfache Feindbilder reduziert.

Hinzu kommt, dass Citizen Vigilante auch als Film schlicht erschreckend schwach ist. Die Figuren bleiben oberflächlich, Armie Hammer läuft mit regungslosem Gesichtsausdruck durch eine lose Aneinanderreihung von Szenen, unnötige Sexeinlagen wechseln sich mit abrupten Tonwechseln und hektischem Schnitt ab. Die Action besitzt keinerlei Dynamik, die Bildgestaltung wirkt billig, die Musik austauschbar. Dabei liegt das Problem nicht im Budget. Die Filmgeschichte liefert zahllose Beweise dafür, dass großartiges Kino auch mit sehr wenig Geld entstehen kann. Hanau und Citizen Vigilante wirken hingegen vor allem lustlos. Ihnen fehlt nicht das Geld, sondern jede Leidenschaft für filmisches Erzählen.

Nein, "Citizen Vigilante" ist nicht verboten

Besonders geschickt nutzt Boll derzeit die Diskussion um die verweigerte FSK-Freigabe. Er spricht öffentlich davon, sein Film sei in Deutschland und Großbritannien "verboten" worden und verbreitet damit das Bild einer politisch motivierten Zensur. Gleichzeitig stellte er Citizen Vigilante für 48 Stunden kostenlos auf X zur Verfügung, nachdem Elon Musk den kompletten Film über seinen Account mit mehr als 200 Millionen Follower*innen geteilt hatte. Boll begründete diesen Schritt mit einer angeblichen "Migrationskrise", einer "Vergewaltigungskrise" und einer von Angst geprägten Regierungspolitik.

Das Problem dabei: Die Behauptung eines Verbots stimmt schlicht nicht. Citizen Vigilante ist nicht verboten. Die FSK hat dem Film bislang lediglich keine Altersfreigabe erteilt. Das ist ein erheblicher Unterschied. Eine Veröffentlichung über die SPIO/JK wäre grundsätzlich weiterhin möglich, wie zahlreiche andere Filme in der Vergangenheit gezeigt haben.

Die Konsequenzen sind in erster Linie wirtschaftlicher Natur. Ohne FSK wird die Auswertung deutlich schwieriger. Viele Händler*innen, Streamingdienste und Vertriebspartner verzichten auf solche Titel oder behandeln sie nur eingeschränkt. Genau deshalb ist die verweigerte Freigabe für Boll ein finanzielles Problem – aber kein staatliches Verbot.

Vielleicht sollten wir Boll einfach links liegen lassen

Fast noch bemerkenswerter als der Film selbst ist die öffentliche Reaktion. Abgesehen von einigen wenigen Kritiken haben viele Medien Citizen Vigilante weitgehend ignoriert. Erst die Debatte um die FSK und Bolls Erzählung vom angeblich verbotenen Film machte das Werk zu seiner meistdiskutierten Produktion seit Jahrzehnten. Genau das dürfte beabsichtigt gewesen sein.

Denn Boll verkauft heute weniger seine Filme als die Kontroverse um seine Filme. Er weiß, dass jede Empörung Reichweite erzeugt und jede Schlagzeile seinem Geschäftsmodell hilft. Früher hatte dieses Spiel zumindest noch einen gewissen Unterhaltungswert. Heute wirkt es nur noch wie ein routinierter Marketingtrick.

Deshalb glaube ich, dass wir Boll inzwischen falsch kritisieren. Nicht jeder neue Skandal verdient eine große Debatte. Weder Hanau noch Citizen Vigilante sind wegen ihrer filmischen Qualität erinnerungswürdig. Beide sind handwerklich schwach, billig inszeniert und erschreckend lustlos umgesetzt. Sie leben fast ausschließlich von der Aufregung, die sie auslösen sollen.

Vielleicht wäre genau deshalb die härteste Kritik, Uwe Boll künftig einfach links liegen zu lassen. Denn Citizen Vigilante ist eben nicht verboten. Er könnte durchaus noch mit einer SPIO-Freigabe erscheinen. Die verweigerte FSK macht den Film vor allem wirtschaftlich unattraktiver – und genau aus diesem Umstand hat Boll den größten Werbecoup seiner jüngeren Karriere gemacht.

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