Alle Jahre wieder: Auf dem größten internationalen Filmfestival in Deutschland, der Berlinale, versammelt sich während eines weiteren eisigen Februars rund um den bewährten des Potsdamer Platz erneut die Elite aus Filmschaffenden, Rezensierenden, Kurator*Innen und natürlich eisernen Filmfans, um 10 Tage lang die beschworene Crème-de-la-Crème des frühen Kinojahres 2026 zu feiern. Es ist anders als im vorigen Jubiläumsjahr: Auffällig ist an der diesjährigen Edition, wie unauffällig sie zunächst erscheint, sowohl im Positiven wie auch im Negativen. Die Kontroversen rund um politische Meinungsäußerungen während des Festivals (welche im Kontext der Auszeichnung Tilda Swintons mit dem Goldenen Ehrenbär im Vorjahr erneut hochkochten) scheinen relativ abgeklungen zu sein. Der Druck auf der neuen Festivalleiterin, US-Amerikanerin Tricia Tuttle, ist jedoch nur augenscheinlich mit ihrem zweiten Leitungsjahr etwas geringer. Während Tuttle, deren im Tagesspiegel beschworenes Mantra „Evolution statt Revolution“ lautet, sich nun als neue Kuratorin behauptet hat (die vorige Berlinale stellte mit rund 336.000 verkauften Tickets einen Besucherrekord auf), gilt es nun, diesen Erfolg nicht als reines Anfängerglück hinzunehmen und sich als weiterführende Spitze zu etablieren.
Doch die Berlinale ist ein kompliziertes Festival: Sie genießt, wie Cannes und Venedig, den Status eines A-Festivals, kann jedoch nicht mit demselben entsprechenden Glamour aufwarten. Berlin-Mitte im Februar ist nun mal nicht die Côte d‘Azur oder der Lido im Sommer. Gleichzeitig aber ist die Berlinale jedes Jahr unterschiedlichen Erwartungen unterworfen: Während politische Statements auf den beiden benannten Festivals als performative Gesten häppchenweise verteilt werden, scheint auf der Berlinale jedes Jahr das Verlangen zu existieren, sich doch zu irgendeinem dringenden, tagesaktuellen Thema zu positionieren. Welches Thema genau? Das ist jedes Jahr ein anderes, doch Tuttle selbst scheint auf den wachsenden Rechtsruck und die extremer werdende Fremdenfeindlichkeit in Deutschland anzuspielen, wenn sie betont, die, aufgrund eines fehlenden Starensembles, unkonventionelle Wahl des Eröffnungsfilmes No Good Men sei „natürlich ein Statement“ da dessen, im Iran geborene, Regisseurin Sharboon Sadat „Deutschland zu ihrem Zuhause gemacht hat.“ Generell sei der Hang zur romantischen Komödie in dieser Berlinale-Ausgabe, zu der No Good Men beiträgt, eine Reaktion auf gegenwärtig düstere Zeiten, deren man einen „Kontrapunkt der Leichtigkeit“ entgegenstellen wolle.
In diesen definitiv gut gemeinten Gesten vereint sich bereits die währende Unmöglichkeit des Festivals, es allen recht zu machen: Die Berlinale ist in ihrem Ehrenkodex eben auch ein Publikumsfestival und einem einigermaßen kommensurablen Programm verpflichtet. Dementsprechend finden sich politische Statements wie von Tuttle beschworen meist in solchen Repräsentationsgesten und nur in einem Rahmen, dem leicht zuzustimmen ist und an dem sich niemand so schnell stoßen wird. Diese Diskussion entfacht sich nahezu jedes Jahr erneut, wenn in Kritiker*Innen-Kreisen oft über den fehlenden Biss oder die ausbleibende politische Sprengkraft der ausgewählten Filme gestritten wird. Tuttle scheint jedoch in der Publikumsarbeit weiterhin neue Wege zu gehen. Ein junges Publikum ist auf der Berlinale in der Programmsektion „Generation“, welche sich an ein Publikum U- oder Ü-14 richtet, sowieso inhärent repräsentiert, doch dieses Jahr startet das Festival einen weiteren Versuch, ein neues Publikum für sich zu gewinnen: Mit „Cine25“ ruft Tuttle zum ersten Mal eine spezielle Ticketplattform ins Leben, welche ein preislich reduziertes Kontingent ausschließlich für 18- bis 25-jährige bereithält. Man kann hoffen, dass dieser Plan aufgeht. Mit ihrem zweiten Jahr scheint Kuratorin Tuttle jedenfalls sonst wenige Experimente anzustreben, was sich vielleicht auch in der Wahl von Wim Wenders als diesjährigen Jury-Präsidenten widerspiegelt. Wenders, der in vergangenen Jahren seine Filme The Million Dollar Hotel, Pina und Everything Will Be Fine auf der Berlinale vorstellte, ist wie kaum ein anderer deutscher Regisseur durch seinen Klassiker Der Himmel über Berlin so sehr mit der Hauptstadt verbunden. Ihm die Spitze über die Preis-Entscheidung des internationalen Wettbewerbs zu überlassen, fühlte sich schon längst wie eine Unvermeidbarkeit an.
22 Filme haben es in den 76. Wettbewerb der Berlinale geschafft und die Auswahl der konkurrierenden Werke scheint ganz im Sinne von Tuttles Evolutions-Ambitionen zu liegen: Der Wettbewerb orientiert sich augenscheinlich an einer neuen Generation kreativer Filmschaffender, erhebt jedoch auch bereits vertraute Gesichter des Festivals auf ein höheres Podest, wie etwa Illker Çatak, dessen Oscar-nominierter Film Das Lehrerzimmer 2023 in der Panorama-Sektion seine Weltpremiere fand. Sein neuer Film Gelbe Briefe, welcher von dem Zerbrechen eines Künstlerpaares im Angesicht staatlicher Willkür erzählt, scheint ein beliebtes Festival-Motiv zu verfolgen: die Ausprägung politischer Probleme in privaten Dimensionen. Eine weitere Berlinale-Veteranin ist die Kanadierin Geneviève Dulude-de Celles, deren Eine Kolonie 2019 in besagter Generation-Sektion anlief und in Nina Roza nun von einem vermeintlichen Künstlerwunderkind erzählt. Darüber hinaus jedoch gestaltet sich dieser Wettbewerb mit wenig vertrauten Namen und mit leisem Hang zu mehr formeller Variation: Aus Japan findet sich der Animationsfilm A New Dawn von Yoshitoshi Shinomiya und aus den USA der Dokumentarfilm Yo (Love is a Rebellious Bird) von Anna Fitch und Banker White in der Selektion. Es bleibt zu hoffen, dass der Rest der Filme, deren bisher veröffentlichten Plot-Synopsen eher behagliche Dramen antizipieren lassen, weitere Abwechslung bringt.
Während das letzte Jahr mit The Ice Tower oder Reflections in a Dead Diamond gewisse Genre-Ansprüche und Formspiele in unbekannten Gewässern bereithielten, wirken derartige Elemente in dieser Ausgabe des Wettbewerbs merkwürdig abwesend (zumindest auf den ersten Blick). Tuttles „Evolution“-Strategie zieht als logische Konsequenz auch das, in Online-Kreisen, kritisierte Fehlen großer Namen hinter der Kamera mit sich. Vor der Kamera jedoch mangelt es diesem Wettbewerb nicht an Stars: Ein besonders namhaftes Ensemble verspricht Karim Ainouz‘ Rosebush Pruning, ein Remake von Marco Belloccios Neorealismus-Klassiker Die Faust in der Tasche: Callum Turner, Riley Keough, Jaime Bell, Elle Fanning und Pamela Anderson dürfen das mörderische Familiendrama erneut zum Leben erwecken. Ein weiterer großer Name findet sich mit Amy Adams in Kornél Mundruczós At the Sea, in welchem sie eine verstörte Frau auf dem Weg zur Selbstfindung darstellt, eventuell eine der vielen beliebten Schauspiel-Tour de Forces, die gerne auf internationalen Festivals zu Hause sind. Als größter europäischer Star (und scheinbar ebenfalls auf hoher See) lässt sich die stets bewährte Juliette Binoche in Lance Hammers Demenzdrama Queen at Sea aufzählen. Alle Augen sind aber gerichtet auf Beth de Araujos Josephine: Das US-Drama wurde vor wenigen Tagen mit dem Jury- und Publikumspreis von Sundance ausgezeichnet und wartet mit Channing Tatum und Gemma Chan als besorgte Eltern eines traumatisierten Kindes auf. De Araújos vorheriges Werk Soft & Quiet war ein aggressiver und kontroverser Finger in der Wunde amerikanischer Ängste, und die Stimmen zu ihrem neuen Film versprechen, dass Josephine ähnlich schmerzhaft konfrontativ ausfallen könnte (Moviebreak-Kritikerin Lida Bach konnte der Film ebenfalls begeistern).
Das deutschsprachige Kino ist mit insgesamt fünf Filmen vertreten: Neben Gelbe Briefe liefert Eva Trobisch mit Etwas ganz Besonderes ihren dritten Film, welcher Familien-Heimkehr und Gesangs-Talentshow miteinander verknüpft. Der Österreicher Markus Schleinzer, der sich eine langjährige Karriere als Casting-Direktor aufgebaut hat und mit seinem verstörenden Regiedebüt Michael 2011 internationale Aufmerksamkeit erlangte, präsentiert mit Rose ebenfalls seine dritte Regiearbeit: Sandra Hüller als titelgebender Soldat kehrt hier im Angesicht des Dreißigjährigen Krieges im 17. Jahrhundert in ihr Heimatdorf zurück, um dort ein Familienerbe anzutreten. Ebenfalls aus Österreich vertreten ist das Duo Rainer Frimmel und Tizza Covi, welches in seinem neuen Film The Loneliest Man in Town die Altersjahre des vergessenen Blues-Musikers Al Cook nachzeichnet. Der, zumindest in Filmkenner-Kreisen, jedoch vielleicht bekannteste Name unter den Regisseur*Innen dürfte sowohl Vorfreude wie auch entnervtes Seufzen auslösen: Aus Deutschland ist mal wieder Angela Schanalec mit ihrem Meine Frau weint vertreten, dessen Synopsis von einem Notruf auf einer Baustelle wahrscheinlich genauso mysteriös ausfällt wie der ganze Film. Schanalecs Kino ist bekannt für seine Formstrenge, erzählerische Ellipsen und eine allgemeine Verweigerung von konventionellen Sehgewohnheiten. Was für die einen herausforderndes Kino bedeutet, ist für andere selbstparodistisches Anspruchskino der anstrengendsten Sorte. Man darf dennoch gespannt sein, wohin ihre filmische Reise dieses Mal entführt.
Weiterhin sind drei französische Filme in der Konkurrenz um den goldenen Bären vertreten, interessanterweise alle in Koproduktion mit afrikanischen Ländern: Alain Gomis‘ Dao handelt von zwei Familienfeiern und entstand in Zusammenarbeit mit Senegal und Guinea-Bissau, Soumsou, the Night of the Stars von Mahamat-Saleh Haroum und In a Whisper von Leyla Bouzid hingegen sind beides tunesische Koproduktionen. Etwas Starpower gibt es dann noch in dem irischen Musikfilm Everybody Digs Bill Evans (Anders Danielsen Lie, Bill Pullman und Laurie Metcalf) und in dem finnischen Elternschaftdrama Nightborn mit Rupert Grint. Komplettiert wird der Wettbewerb schließlich durch den belgischen Film Dust, der vom Zusammenbruch eines Technologieimperiums Ende der 1990er erzählt, Salvation, dem neuen Film des namhaften türkischen Regisseurs Emin Alper, dem mexikanischen Film Flies, dem, in Australien bereits im Kino zu wohlwollenden Kritiken angelaufenen Western Wolfram von Warwick Thronton, welcher nach Sweet Country erneut von der Verfolgung der ländlichen Ureinwohner erzählt, und schließlich Anthony Chens We Are All Strangers aus Singapur. Möge der beste Film gewinnen!
Neben dem internationalen Wettbewerb wartet das Festival wie immer mit seinen altbewährten Sektionen auf. Wer sich nach eher ästhetisch wie inhaltlich abseitigem Kino sehnt, kommt hier oft mehr auf seine oder ihre Kosten. Gut bedient ist man im Forum, der vom Arsenalkino, welches nach über einem Jahr Vorführungsstille im kommenden April (endlich) seine Neueröffnung im Silent Green Kulturquartier feiern wird, kuratierten Sektion. Das Forum verfügt dieses Jahr über besondere Highlights: Neben einem großem Angebot an Exhibitionen, einer In Memoriam-Sektion für Judit Elek und einem neuen Augenmerk auf das Thema „AI Realisms“ bietet die Sektion einen Talk zwischen zwei Pionieren der Black Cinema und der L.A.-Rebellion: Charles Burnett und Haile Gerima. Letzterer stellt auf der Berlinale den längsten Film des Festivals vor: Gerimas, über Dekaden der gigantischen Recherche entstandener, insgesamt über 10-Stunden-langer Dokumentarfilm Black Lions – Roman Wolves erzählt von der Kolonialgeschichte Italiens in Äthiopien. Ansonsten kann man gespannt sein, welchen Filmen es am besten gelingen wird, ästhetische Gräben zur gegenwärtigen wie vergangenen Historie zu überqueren. Um es mit James Benning, dessen neuer Film Eight Bridges wahrscheinlich seinen Titel sehr direkt wiedergeben wird, zu sagen: „Es scheint an der Zeit zu sein, Brücken zu betrachten.“
Während zwei Filmemacher*Innen aus den Nebensektionen in den Wettbewerb erhoben wurden, scheint der Berlinale-Paradevertreter / Wettbewerb-Dauerabonnent Hong-Sang Soo mit seinem neuen Film The Day She Returns augenscheinlich in die Publikumssektion Panorama degradiert worden zu sein (auch wenn er in manchen Jahren bereits im Forum und in der, inzwischen abgeschafften, Sektion Encounters auftauchte). Trotz des Rummels um den Wettbewerb scheint das Panorama in diesem Jahr den wohl, insbesondere bei besagtem, von Tuttle so eifrig umworbenen, jungen Publikum, beliebtesten Film parat zu haben: Pop-Star und „brat“-Mastermind Charli XCX’s eben noch in Sundance angelaufene Selbstverwurstung The Moment erhält im Kontext der Sektion seine internationale Kinopremiere. Damit auch neue Stimmen unter den Filmemacher*Innen nicht zu kurz kommen, geht auch die von Tuttle im Vorjahr eingeführte Sektion Perspectives, in welcher ausschließlich fiktionale Spielfilmdebüts ihre Premiere feiern, dieses Jahr in die zweite Runde.
Abgerundet wird die diesjährige Berlinale dann noch mit der Außer-Konkurrenz-Sektion Berlinale Special, welche meist mit eher genrelastigen Midnight-Premieren, besonderem Fokus auf weitere Dokumentarwerke und bald startende Serien, sowie weitere Star-Galas aufwartet. Zu Letzterem ließe sich Noah Segans ebenfalls aus Sundance importierten und mit John Torturro, Steve Buscemi, Jaime Lee Curtis und Giancarlo Esposito besetzten The Only Living Pickpocket In New York, Gore Verbinskis Good Luck, Have Fun, Don’t Die, einem Science-Fiction Abenteuer mit Sam Rockwell, der Deutschland-Premiere von Mona Fastvolds im letztjährigen Venedig-Wettbewerb angelaufenen The Testament of Ann Lee, in welchem sich Amanda Seyfried als Shaker-Sektenanführerin um den Verstand tanzt, sowie dem lange geplanten und nun endlich realisierten Herzensprojekt Die Blutgräfin von Kult-Regisseurin Ulrike Ottinger aufzählen. Isabelle Huppert darf hier in Ottingers verspielt-exzentrischer Vampir-Klamotte zur eleganten Wiener-Blutsaugerin mutieren.
Die Berlinale findet vom 12 bis zum 22. Februar statt. Moviebreak-Kritiker*Innen Lida Bach und Jakob Jurisch werden vom Trubel und Höhepunkten der Festivalzeit berichten!