2.5

MB-Kritik

Mercy 2025

Action, Drama, Crime

2.5

Chris Pratt
Chris Sullivan
Rebecca Ferguson
Kenneth Choi
Annabelle Wallis
Noah Fearnley
Kali Reis
Kylie Rogers
Rafi Gavron

Inhalt

In naher Zukunft steht ein LAPD-Detective (Chris Pratt) wegen Mordes an seiner Frau vor Gericht. Er hat genau 90 Minuten Zeit, um seine Unschuld gegenüber einer fortschrittlichen KI-Richterin (Rebecca Ferguson) zu beweisen, für deren Entwicklung er sich einst eingesetzt hat, bevor diese über sein Schicksal entscheidet.

Kritik

Einst galt Timur Bekmambetov als Hoffnungsträger für ein stylishes, eigenständiges Genrekino jenseits Hollywoods. Filme wie Wächter der Nacht (2004) und Wächter des Tages (2006) ließen einen Regisseur erkennen, der visuelle Kühnheit mit popkulturellem Gespür verbinden konnte. Heute hat sich Bekmambetov jedoch genau dort eingerichtet, wo er einst als Alternative wahrgenommen wurde: im sicheren, durchkalkulierten Zentrum des Studiosystems. Das ist nicht als Vorwurf gemeint, erklärt aber, warum seine jüngeren Arbeiten kaum noch irgendeine Form der Relevanz erzeugen.

Als Produzent bewies Bekmambetov durchaus Instinkt. Mit Searching (2018) und Missing (2024) half er, das Desktop-Kino salonfähig zu machen und zeigte, dass sich Spannung auch aus Videofenstern, Chatverläufen und Überwachungsbildern entwickeln lässt. Diese Erfolge stehen allerdings neben gravierenden Fehlgriffen, etwa jener kaum kaschierten Amazon-Werbeveranstaltung, die als War of the Worlds (2025) vermarktet wurde. Mit Mercy inszeniert Bekmambetov nun selbst einen Desktop-Film.

Eine Zukunft, die nie wirklich ankommt

Im Gegensatz zu seinen erfolgreichen Genrebeiträgen setzt Mercy nicht auf eine vertraute Gegenwart, sondern versucht, ein futuristisches Szenario zu etablieren. Fliegende Polizeibikes und sogenannte rote Zonen für Kriminelle sollen eine düstere nahe Zukunft entwerfen. Doch diese Welt bleibt eine bloße Behauptung. Trotz einzelner visueller Ideen entsteht nie das Gefühl, einen in sich geschlossenen Raum zu betreten. Alles wirkt skizzenhaft, funktional, seltsam leer. Schon krass wenn man bedenkt wie in der Realität die Schlagzeilen aussehen.

Ein Hauptproblem liegt in der Erzählweise einhergehend mit der Bildgestaltung. Der Film besteht fast ausschließlich aus Aufnahmen von Bodycams, Smartphones, Überwachungssystemen und Drohnen. Was im Desktop-Kino eigentlich Unmittelbarkeit erzeugen soll, führt hier zu permanenter Irritation. Statt Spannung stellt sich häufig die Frage, wer diese Bilder überhaupt aufzeichnet hat - oder besser gefragt: Wieso? Die Inszenierung liefert darauf keine überzeugenden Antworten und nimmt sich so selbst jede Dringlichkeit. Auch erzählerisch ist Mercy erstaunlich fragil und fragwürdig. Mit wenigen Überlegungen lässt sich die Handlung in sich zusammenklappen.

Der Film ist der erste große Vollflop des Kinojahres 2026, nicht wegen einzelner Schwächen, sondern aufgrund eines fundamentalen Mangels an Spannung. Über weite Strecken beobachten wir – nahezu in Echtzeit – Gespräche zwischen  (The Electric State) und  (A House of Dynamite). Pratt bleibt dabei auffallend ausdruckslos, was weniger der Rolle als seinem begrenzten Repertoire geschuldet scheint. Ferguson hingegen spielt die titelgebende KI, deren emotionale Leere zwar konzeptionell Sinn ergibt, ihr aber jede darstellerische Entfaltung nimmt.

Die Grundidee ist simpel: Pratts Figur muss innerhalb von 90 Minuten beweisen, dass er seine Frau nicht ermordet hat. Doch diese Mörderjagd findet größtenteils im Sitzen statt. Bewegung wird durch Dialog ersetzt, Dynamik durch erklärende Passagen. Wenn Action kurz aufflackert, verpufft sie sofort. Die voyeuristische Perspektive sorgt weder für Wucht noch für memorierbare Bilder, sondern wirkt distanziert und erstaunlich gleichgültig. Der immer wieder präsente Countdown sorgt auch nicht für Nachdrücklichkeit, sondern zeigt eigentlich nur an, wie lange  es noch ungefähr dauert, bis Mercy endlich sein Ende einleitet.

Die KI als moralische Scheinlösung

Thematisch verschenkt Mercy jede Chance. Die Idee einer KI, die zugleich judikative, exekutive und legislative Instanz ist, klingt zunächst vielversprechend. Der Film reduziert diesen Ansatz jedoch auf eine banale Aussage: Die Technik funktioniert, der Mensch versagt. Diese Vereinfachung wirkt besonders unerquicklich im Kontext von Bekmambetovs öffentlicher Haltung. Herbst 2025 kündigte er an, an einem KI-basierten Filmstudio mit verschiedenen digitalen Departments zu arbeiten – inklusive KI-Akteur*innen. Vor diesem Hintergrund liest sich Mercy weniger als kritische Auseinandersetzung denn als wohlmeinende Imagebroschüre für diese Technologie. Denn weder Inszenierung noch Drehbuch noch Schauspiel machen deutlich, warum menschliche Erfahrung, Kreativität und handwerkliche Präzision für Kino unverzichtbar sind.

Worauf Mercy verzichtet, ist ein klarer, kritischer Blick. Die gezeigte Welt ist eindeutig ein Überwachungsregime, doch diese Tatsache wird eher beiläufig akzeptiert. Abgesehen von ein paar sanft kritischen Bemerkungen wirkt der Film so, als würde er eine Politik feiern, die man sich als eine nur minimal weitergedachte Version der aktuellen US-Realität vorstellen könnte – ohne sie in ihrer Gegenwart oder in der futuristischen Ausprägung ernsthaft infrage zu stellen. Wer einen Film wie Mercy sieht, sollte keine tiefgehende politische Analyse erwarten, aber dass die Thematik hier so zahm und angepasst behandelt wird, hinterlässt dennoch einen faden Beigeschmack. Bei einem Titel, der ohnehin schon so pappig ist, kommt das einer ganz anderen Art von Enttäuschung gleich.

Bleibt festzuhalten, dass Bekmambetovs erste Kino-Regiearbeit seit seinem verunglückten Ben Hur (2016) weder aufregend noch provokant ist, sondern vor allem unerquicklich leer. Mercy will viel, erreicht wenig und steht sinnbildlich für einen Regisseur, der sich zwischen Technikbegeisterung und erzählerischer Gleichgültigkeit verloren hat. Als Warnung taugt der Film dennoch – allerdings nicht vor künstlicher Intelligenz, sondern vor einem Kino, das seine eigene Seele bereitwillig aus der Hand gibt. 

Fazit

Das hier ist kein Thriller, sondern ein Spielfilm gewordener Beweis narrativer Ermüdung. Er erstickt seine Ideen im Interface, verwechselt Konzepte mit Spannung und hinterlässt das Gefühl, einer technokratischen Präsentation beizuwohnen – ohne Seele, ohne Dringlichkeit, ohne Esprit. Mit Chris Pratt hat dieser ausdruckslose Flop immerhin den passenden Posterboy gefunden.

Autor: Sebastian Groß
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