Mit Peaky Blinders: The Immortal Man erhält die gefeierte Gangstersaga eine filmische Fortsetzung, die weniger wie ein Neubeginn als vielmehr wie ein spätes Wiedersehen wirkt. Vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs kehrt Thomas Shelby in ein Birmingham zurück, das sich ebenso verändert hat wie seine eigene Familie. Während eine neue Generation die Geschäfte übernimmt, holen ihn alte Entscheidungen und politische Umbrüche erneut ein – und zwingen ihn, sich ein weiteres Mal seiner Vergangenheit zu stellen.
Was die Peaky Blinders ausmachte – und warum ihre Rückkehr schwierig ist
Die Peaky Blinders waren innerhalb der Serienwelt weit mehr als eine gewöhnliche Gangsterbande. Inspiriert von historischen Vorbildern standen sie für den sozialen Aufstieg einer Arbeiterfamilie im Birmingham der Zwischenkriegszeit, deren Einfluss durch Gewalt, Kalkül und politische Verbindungen stetig wuchs. Die Serie lebte von Machtspielen zwischen rivalisierenden Syndikaten, persönlichen Loyalitäten und einem Hauptcharakter, der zugleich Visionär und Zerstörer war. Gerade diese Mischung aus kriminalistischer Spannung, gesellschaftlicher Beobachtung und stilisierter Coolness machte ihren Reiz aus.
Der Film versucht nun, dieses Fundament in eine Art Spionage-Thriller zu überführen. Statt rivalisierender Banden rücken plötzlich faschistische Netzwerke und politische Verschwörungen ins Zentrum. Das erweitert zwar den historischen Rahmen, fühlt sich jedoch nur bedingt organisch an. Wo früher strategische Intrigen die Handlung vorantrieben, dominieren nun geopolitische Konflikte, die nicht immer nahtlos zur DNA der Reihe passen. Trotz eines sichtbar spielfreudigen Tim Roth (The Hateful 8) als Vertreter der gegnerischen Kräfte bleibt das Geschehen seltsam distanziert, fast so, als würde eine vertraute Welt in ein fremdes Genre gedrängt.
Dabei braucht The Immortal Man auffallend lange, um überhaupt erzählerischen Schwung zu entwickeln. Viele Szenen bestehen aus Gesprächen über Schuld, Schicksal und vor allem Spiritualität – Themen, die schon in der Serie präsent waren, hier jedoch deutlich mehr Raum einnehmen. Diese Dialoglastigkeit bremst das Tempo erheblich, selbst wenn Rebecca Ferguson (Mission: Impossible - Dead Reckoning) dabei involviert ist. Statt Spannung aufzubauen, erklärt der Film seine Figuren und Motive häufig (zu) ausführlich, wodurch kaum Raum für eigene Entdeckungen bleibt. Entscheidungen werden ausgesprochen, statt emotional erfahrbar gemacht.
Oscar-Preisträger Cillian Murphy (Oppenheimer) verkörpert Tommy Shelby erwartungsgemäß mit beeindruckender Kontrolle und innerer Ruhe. Seine Präsenz trägt zahlreiche Szenen selbst dann, wenn das Drehbuch ins Stocken gerät. Barry Keoghan (The Banshees of Inisherin) als Duke Shelby hinterlässt ebenfalls einen soliden Eindruck, doch die Inszenierung scheint unsicher darin, ihn tatsächlich als zukünftige Leitfigur zu etablieren. Der Film schwankt zwischen Staffelstab-Übergabe und nostalgischem Rückblick, ohne sich klar festzulegen. Dieses Zögern prägt die gesamte Dramaturgie.
Zwischen Kinoanspruch und Streaming-Realität
Visuell bleibt die Reihe ihrer ikonischen Handschrift treu. Die Kombination aus anachronistischer Rockmusik und der rauen Birmingham-Ästhetik funktioniert erneut hervorragend und erzeugt sofort Wiedererkennungswert. Einzelne Momente – besonders im Finale – entfalten eine beinahe apokalyptische Wucht, die zeigt, welches atmosphärische Können Regisseur Tom Harper (Heart of Stone) besitzt. Gleichzeitig offenbart sich jedoch ein grundlegendes Problem: Viele Bilder wirken auf der großen Leinwand überraschend flach. Digitale Effekte lassen sich nicht immer verbergen, wodurch Szenen ihre Wirkung schneller verlieren als erwartet. Der Film fühlt sich spürbar wie eine Produktion an, die primär fürs Streaming konzipiert wurde. Ein negatives Glück, dass die meisten ihn genau dort sehen werden.
Diese Diskrepanz verstärkt den Eindruck eines Projekts, das weniger als eigenständiges Erlebnis gedacht ist, sondern als Brücke zu zukünftigen Erweiterungen. Wenn der Abspann einsetzt, wird deutlich, dass hier neue Kapitel vorbereitet werden sollen. Fanservice und nostalgische Momente sind reichlich vorhanden, doch die erzählerische Notwendigkeit bleibt fraglich.
Für eingefleischte Anhänger*innen bietet The Immortal Man dennoch vertraute Gesichter, stilvolle Atmosphäre und gelegentlich packende Augenblicke. Als nachträgliches Kapitel funktioniert der Film solide genug, um zu unterhalten. Gleichzeitig entsteht der Eindruck eines Epilogs, der vor allem existiert, um den Weg für kommende Geschichten zu ebnen. Ein angenehmer Besuch in einer bekannten Welt – aber auch ein leiser Hinweis darauf, dass manche Geschichten ihre stärkste Wirkung genau dann entfalten, wenn sie rechtzeitig abgeschlossen werden.