Inhalt
Im Chile des Jahres 1992 freundet sich die neunjährige Inés in einem abgelegenen Berghotel mit der deutschen Teenager-Skifahrerin Hanna an. Als Hanna auf mysteriöse Weise verschwindet, bringt die darauf folgende Untersuchung in diesem Mystery-Drama aus der Zeit nach der Diktatur längst vergrabene Geheimnisse ans Licht.
Kritik
Ein gewaltiger Eisbrocken wird in der Eröffnungsszene Manuela Martellis (1976) methodischem Mystery-Drama aus dem antarktischen Eis gehoben, bereit für die Reise nach Sevilla zur Weltausstellung. Dort wird das exorbitante Exponat zur Publikumsattraktion, deren simple Symbolik unberührter Natur (nach dem Eisblock-Event etwas weniger unberührt) und technologischen Fortschritts eine Vielzahl ideologischer und politischer Interpretationen verdrängten. Eine ähnlich dankbare Deutungsfläche ist in der hintersinnigen Inszenierung der Schnee. Er verwandelt die Berglandschaft in ein trügerisches Idyll, in dem das Trauma der Vergangenheit mit neuen Ängsten kollidiert.
Das Handlungsjahr ist 1992 und die Wunden der Militärdiktatur schmerzen unverändert. In diesem politischen Tauklima verbringt die 9-jährige Inés (Maya O’Rourke) im Ski-Hotel ihrer Großeltern Techa (Paulina Urrutia, Baby Bandito) und Ricardo (Mauricio Pešutić, Mandrill) den Winter mit Erkundungstouren durch die labyrinthischen Hotelflure und Beobachten der Gäste. Unter denen bemerkt sie die jugendliche Skifahrerin Hanna (Maia Rae Domagala). Ihre Leistungen haben Profi-Potenzial, das ihr Trainer Alexander (Jakub Gierszal, Zadra) um jeden Preis realisieren will. In der Jugendsport-Gruppe im Hotel ist Hanna die Beste - und das einzige Mädchen.
Der Status steigert die Glaubwürdigkeit ihre schwesterliche Kameradschaft mit Inés und ihre Isolation, die Alexander ausbeutet. Beider Beziehung offenbart in jeder gemeinsamen Szene beunruhigendere Facetten, die Inés mit wachsamem Blick beobachtet. Was die kindliche Protagonistin sieht und nicht sieht, wird von entscheidender Bedeutung, als Hanna plötzlich verschwunden ist. Da Inés Eltern als Delegation besagten Eisblock-Kunstwerks in Spanien sind, begleitet sie Hannas verstörte Mutter Lina (Saskia Rosendahl, Zikaden) auf der immer verzweifelteren Suche. Deren Angst und Ungewissheit sind den ansäßigen Erwachsenen bedrückend vertraut.
Paradoxerweise wecken sie Somit wenig Anteilnahme in einem Land tausender Verschwundener. Ihre Abwesenheit kriecht als warnendes Omen in die Gespräche der Mädchen, wenn der freundliche Barkeeper bei Hannas Frage nach seinem Bruder auf einem Familienfoto plötzlich schweigt und die Behörden Linas Sorge mit routinierter Gleichgültigkeit abtun. Detektiv-Story und Mystery-Drama verschmelzen zu einem Quasi-Politthriller, in dem der kriminalistische Schwebezustand Chiles historischen Limbo nach dem Regime-Fall und vor Pinochets Prozess spiegelt. Die Vergangenheit drängt in die Gegenwart als gespenstisches Déjà vu, das schlummernde Trauma weckt.
Fazit
„Dinge, an die man nicht mehr denkt, doch die immer noch da sind“ erodieren beständig die heimelige Aura Manuela Martellis zweiter Spielfilm-Arbeit, mit der die chilenische Regisseurin nach Cannes zurückkehrt. Der Schnee konserviert Indizien wie einen an eine gefrorene Blutspur erinnernden roten Schal, und verdeckt jede Spur der jungen Vermissten. Untermalt von María Portugas düsterem Score evozieren Benjamín Echazarretas kongeniale Kamera rekreiert mit körnigen Bildern und den matten Primärfarben den Look der Handlungsära: voller Geister der Vergangenheit und neuer Dämonen.
Autor: Lida Bach