Inhalt
Eine junge Frau und ihr jüngerer Bruder führen auf einer abgelegenen Insel ein monotones Leben. Ihre triste Routine unterbricht das Auftauchen eines mysteriösen Kasuar. Der eigenwillige Vogel, der nicht den Verhaltensmustern seiner Artgenossen folgt, verändert die Beziehung der Geschwister und weckt die dunklen Geheimnisse der Insel.
Kritik
„Feuer fressender Vogel“ lautet der Chinesische Name des titelgebenden Tiers Zhang Hanyis somnambuler Story, in der lange versteckten Narben einer zwischen gleichgültiger Gegenwart und verdrängter Vergangenheit gefangenen Familie wieder aufbrechen. Als mystische Manifestation generationsübergreifender Trauma wird der flugunfähige Vogel zum Katalysator der unterdrückten Konflikte, denen sich die seelisch isolierten Charaktere stellen müssen, um sich von ihnen zu befreien. Die Grenze zwischen Traum und Wachen offenbart sich zunehmend als durchlässig - ebenso wie die zwischen Wirklichkeit und Sagen.
Letzt sind im doppelten Sinn noch lebendig an dem entlegenen Schauplatz, an den Su Min (ausdrucksstark: Huang Miyi, Ripples of Life) nach Jahren in der Stadt zurückkehrt. Das ominöse Insel-Setting spiegelt in seiner Einsamkeit und Abgrenzung den psychischen Zustand der vier Familienmitglieder im Zentrum der hintergründigen Handlung. Sie beginnt mit Su Mins Rückkehr an den Ort ihrer Kindheit, von dem sie sich zugleich instinktiv angezogen und abgestoßen fühlt. Gleich einer unsichtbaren Präsenz lebt die Vergangenheit in dem alten Haus am Rande des Urwalds.
Dass ein Brand den Ausschlag für Su Mins Rückkehr gibt, unterstreicht ihre assoziative Verbindung mit dem Federtier, das laut alter Sagen Reinkarnation weiblicher Vorfahren ist. Seine Sichtung erschüttert die mentalen Mauern, hinter denen sich ihre Verwandten verstecken. Ihre Mutter (Liu Dan, Night Train) betäubt sich mit Alkohol, die Großmutter flüchtete sich in Schweigen, der Bruder in Kindlichkeit. Ihre eigene Arbeit als Vogel-Vertreiberin auf dem Flughafen markiert eine rationalisierte Verdrängung alter Konflikte, die sie so in animalischer Form heimsucht.
Fazit
Aus dem Urwald, der als psychoanalytischer Hort des Unterbewusstseins an das Haus der Figuren grenzt, kommt der seltsame Vogel Zhang Hanyis gedankenvollen Geflechts aus Familiendrama und Fabel. Dessen Handlung erschließt sich nur bruchstückhaft ohne Grundkenntnisse der Überlieferungen und Folklore, auf denen der symbolschwere Plot aufbaut. Ausdauernde Kameraeinstellungen übertragen das Gefühl unbestimmten Wartens und unterschwelliger Anspannung auf die visuelle Ebene. Deren entrückte Aura akzentuiert den lähmenden unverarbeiteten Schmerz, der die Figuren ähnlich gefangen hält wie lyrische Stilismen die Inszenierung.
Autor: Lida Bach