Schon lange vor dem Kinostart wurde kaum ein Projekt so intensiv diskutiert wie Michael. Das liegt natürlich am weltberühmten Protagonisten selbst – Michael Jackson –, und weit weniger an den Namen hinter der Kamera. Mit Antoine Fuqua auf dem Regiestuhl und einem Produktionsteam, das bereits bei Bohemian Rhapsody Erfahrung mit massentauglichen Musikerporträts sammelte, waren die Erwartungen entsprechend gelenkt. Ein großes Leben, eine große Karriere, ein Film für ein Millionenpublikum – die Zutaten schienen perfekt. Doch schon früh zeichnete sich ab, dass hier nicht allein künstlerische Entscheidungen den Ton angeben würden. Anwält*innen und Vertreter*innen des Jackson-Nachlasses hatten ein gewichtiges Wort mitzureden.
Hinter den Kulissen entwickelte sich die Produktion zu einem Drahtseilakt. Besonders deutlich wird das an den aufwendigen Nachdrehs, die das Projekt begleitet haben. Ursprünglich sollte das letzte Drittel des Films auch die schweren Vorwürfe aus den 1990er-Jahren thematisieren oder zumindest anschneiden. Doch rechtliche Hürden führten offenbar zu einer grundlegenden Neuausrichtung. Statt eines umfassenden Porträts entstand ein Werk, das sich auffallend vorsichtig verhält und die problematischen Kapitel weitgehend ausspart. Damit steht Michael vor einer entscheidenden Frage: Will dieser Film wirklich verstehen – oder vor allem bewahren?
Diese Unsicherheit prägt den gesamten Film. Denn so sehr sich die Inszenierung bemüht, Größe zu vermitteln, bleibt sie doch auffällig kontrolliert. Alles wirkt geschniegelt, abgestimmt, fast schon steril. Die Konflikte werden angerissen, aber selten vertieft. Der Mensch hinter der Ikone bleibt schwer greifbar. Gerade bei einer Figur wie Michael Jackson, deren Leben von Widersprüchen und Extremen geprägt war, hinterlässt das einen schalen Beigeschmack.
Zwischen Glanz und Auslassung: Warum "Michael" seinem Thema nicht gerecht wird
Ein zentrales Problem vieler aktueller Musikerbiografien zeigt sich auch hier: Sie folgen einem vertrauten Bauplan. Aufstieg, Krise, Triumph – dramaturgisch ist das alles bekannt. Doch entscheidend ist nicht das „Was“, sondern das „Wie“. Better Man hat vor gar nicht langer Zeit bewiesen, dass selbst schematische Lebensgeschichten frisch und mitreißend erzählt werden können. Michael hingegen verlässt sich zu sehr auf die Strahlkraft seines Protagonisten, bzw. auf seinen Status.
Das Ergebnis ist ein Film, der handwerklich solide umgesetzt ist, aber kaum eigene Akzente setzt. Weder erzählerisch noch inszenatorisch sticht hier wirklich etwas hervor. Stattdessen wird in gut zwei Stunden versucht, möglichst viele Stationen eines außergewöhnlichen Lebens abzuhandeln. Wichtige Entwicklungen werden stark verkürzt oder vereinfacht. Man versteht zwar schnell, welche Erfahrungen den jungen Michael geprägt haben, doch das Drehbuch greift dabei zu auffällig simplen Mitteln.
Wenn der junge Michael seiner Mutter (blass: Nia Long) erklärt, dass Tiere für ihn echte Freunde seien, ist die Botschaft unmissverständlich: Einsamkeit bestimmt sein Leben. Doch genau diese Einsamkeit bekommt nie den Raum, den sie verdient hätte. Stattdessen werden emotionale Momente oft zugunsten bekannter Songs verdrängt. Deren Entstehung wird pflichtschuldig und komprimiert nacherzählt, aber selten wirklich spannend inszeniert. Die Musik ist da – doch sie trägt den Film kaum.
Solide inszeniert, schwach erzählt: Wenn große Momente verpuffen
Dabei gibt es durchaus Elemente, die überzeugen. Die Konzertsequenzen sind visuell gut umgesetzt und fangen die Energie von Michael Jacksons Auftritten einigermaßen ein. Für kurze Momente entsteht tatsächlich das Gefühl, einem Ausnahmekünstler zuzusehen. Doch diese Szenen bleiben isoliert. Erzählerisch bringen sie den Film kaum voran. Sie wirken eher wie eingeschobene Highlights als wie organischer Bestandteil der Geschichte.
Statt sich auf dramaturgisch gewichtige Momente zu konzentrieren, verliert sich der Film immer wieder in sogenannten „Candy Scenes“. Ein Beispiel ist die Einführung von Bubbles, dem berühmten Schimpansen, der hier als CGI-Figur auftaucht. Diese Szene ist nett anzusehen, aber letztlich überflüssig. Dass Tiere für Jackson eine Art emotionaler Ersatz waren, wurde zuvor bereits deutlich gemacht. Solche Einschübe unterbrechen den Erzählfluss, ohne echten Mehrwert zu liefern.
Noch problematischer ist der Umgang mit den dunkleren Aspekten seines Lebens. Die schwierige Beziehung zum Vater (wirkt seltsam karikaturesk: Colman Domingo) wird zwar zentral thematisiert, aber erstaunlich glatt abgehandelt. Schmerz, Konflikt, Rassismus, innere Zerrissenheit – all das bleibt an der Oberfläche. Auch Themen wie Schönheitsoperationen werden kurz angerissen und dann fallen gelassen. Es entsteht der Eindruck, dass alles Unbequeme zwar erwähnt, aber nicht wirklich durchdrungen werden soll.
Mimikry "Michael": Figuren sind auch nicht die Stärke des Films
Die Figurenkonstellation verstärkt diesen Eindruck zusätzlich. Die Rollen sind klar verteilt: Der Vater erscheint als strenge, monetär getriebene eindimensionale Autorität, während die Mutter kaum über eine passive Präsenz hinauskommt und dennoch immer zu sehr wie eine Heilige wirkt, obwohl sie im Film nie wirklich etwas für ihre gequälten Kinder tut. Die übrigen Familienmitglieder bleiben fast komplett außen vor. Sie sind eher funktionale Bestandteile der Handlung als eigenständige Figuren.
Auch Nebenrollen wie die von Miles Teller als Anwalt John Branca setzen kaum nachhaltige Akzente. Zwar hat diese Figur zumindest ein erkennbares Profil, doch ihre Funktion bleibt letztlich begrenzt und verfügt auch über viel zu wenig Screentime, um überhaupt irgendeine Form von nachhaltigem Eindruck zu hinterlassen. Die meisten Rollen existieren eh vor allem, um Jacksons Genie zu bestätigen oder seine Entwicklung zu kommentieren. Wirklich neue Perspektiven eröffnen sie nicht. Immerhin hält der Film einen netten Cameo parat, in dem ein bekannter Komiker eine Rolle spielt, die er so ähnlich bereits in Bohemian Rhapsody hatte. Mit bösen Willen könnte man von dem Versuch sprechen hier eine Art Universum auszubauen, sehr viel wahrscheinlicher ist es aber eher, dass die Macher hier ein kleines bisschen Humor beweisen.
Interessant ist hingegen die Besetzung der Hauptrolle mit Jaafar Jackson, dem Neffen des King of Pop. Die optische Ähnlichkeit des Schauspiel-Debütanten ist gegeben, und auch die Bewegungen sowie Gesten seines Onkels imitiert er bemerkenswert präzise. Doch genau hier stellt sich eine entscheidende Frage: Wo endet die Nachahmung – und wo beginnt echtes Schauspiel? Jaafar Jackson liefert keine klare Antwort darauf. Seine Performance bleibt beeindruckend, aber auch klar nach dem verlangten Protokoll gerichtet.
Es bleibt in Gänze leider ein zwiespältiger Eindruck zurück. Der Film ist keineswegs langweilig, dafür sorgen allein die Musik und die erwartbare energetische Momente. Doch er bleibt erstaunlich oberflächlich. Statt den Menschen hinter der Legende grundlegend und ernsthaft zu erkunden, begnügt sich die Inszenierung damit, bekannte Stationen abzuspulen. Dass ein mögliches Sequel bereits angedeutet wird und die Geschichte hier Ende der 1980er-Jahre mit dem Album Bad endet, wirkt fast wie ein Versprechen auf mehr Tiefe – das dieser Film selbst nicht einlösen kann.
So bleibt vor allem die Erkenntnis: Michael Jackson war eine der faszinierendsten Künstlerpersönlichkeiten der Popgeschichte. Doch dieser Film findet keinen überzeugenden Weg, diese Faszination in eine ebenso eindringliche Erzählung zu übersetzen. Stattdessen entsteht ein glattpoliertes Porträt, das viel zeigt, aber wenig wirklich ergründet. Mittelmäßig unterhaltsames Biopic-Kino, das ebenso groß inszeniert wie mutlos und uninspiriert ist.