MB-Kritik

One Minute to Midnight 2026

Drama

Melvil Poupaud
Chiara Mastroianni
Golshifteh Farahani
Léonie Simaga
Clara Pacini
Micha Lescot
Anaïs Demoustier
Nicolas Chupin
Nicolas Pariser
Sam Chemoul
Lucie Gallo
Thibault Vinçon
Sébastien Chassagne
Ludmilla von Claer

Inhalt

Léo, 49, hat gerade vom Tod seines leiblichen Vaters erfahren, den er nie kennengelernt hat. Bevor er nach Italien reist, um den Nachlass seines Vaters zu regeln, beschließt er, einige Tage in Paris zu verbringen und auf sein Leben zurückzublicken.

Kritik

Auf paradoxerweise erfüllt s (Le parfum vert) patriarchalische Psychoanalyse beinahe ihre prätentiöse Prämisse, elementare Erkenntnisse über die sich wandelnde Beziehung von Männern und Frauen zu äußern. Angelegt als dramatische Diskussion der Veränderungen gesellschaftlicher Gender-Dynamik, wird der narzisstische Nachtspaziergang des in der Mid-Life-Crisis steckenden Journalisten Leo (Melvil Poupaud, Marcello Mio) in einer alternativen politischen Realität das Gegenteil: ein Symptom der Dinge, die sich nie ändern. Die vorgebliche Untersuchung eines bilateralen Verhältnisses ist tatsächlich nur eine ausgewalzte Absolution des männlichen Blicks darauf. 

In einem nächtlichen Paris, in dem nach der alarmierenden Militär- und Polizeipräsenz im Hintergrund zu urteilen, auch politisch dunkle Zeiten angebrochen sind, geht Leo seinem Erbe entgegen. Wie so viele Film-Männer mit chronischen Beziehungsproblemen hat er seinen Vater nie gekannt. Nun ist selbiger verstorben und Leo überbrückt die Zeit bis zur Testamentsverlesung mit Gesprächen mit verschiedenen Frauen in seinem Leben. Eine davon ist seine erwachsene Tochter Emma (Clara Pacini, Herz aus Eis), die zu seinem Missfallen ihr Kunststudium für ihren politischen Aktivismus abbrechen will. 

Leo sinniert über seine zahlreichen Affären, eine von denen er anrufen möchte. Über Umwege kommt er stattdessen mit der Frau eines Ex-Kollegen in eines der die Handlung bestimmenden Gespräche. Randvoll mit Exposition über Leos Lebensweg und dessen romantische Schlenker, forcieren diese überkonstruierten Konversationen und Monologe den didaktischen Gestus des bühnenhaften Szenarios. Dessen visuelle und strukturelle Analogie von Feminismus und Populismus zeichnet Emanzipation als ein vermeintlich moralistisches Policing der Männer, das beiden Seiten den „Spaß“ an Affären genommen hat.

Fazit

Dass es auch systempolitisch Fünf vor Zwölf ist, während der Protagonist Nicolas Parisers blasierten Charakterdramas seinen Freiheiten nachtrauert, wird zum unfreiwilligen Sinnbild der chauvinistischen Dialektik. Das präsentiert konsequenzenfreie Kritik an übergriffigen Machtfiguren als invasiven Angriff, während international fundamentalistische Kräfte Frauenrechte attackieren. Das fähige Ensemble ringt vergebens mit den faden Figuren, bis auf den männlichen Hauptcharakter allesamt eindimensionale Prototypen. Golshifteh Farahanis Charakter artikuliert schließlich den Überdruss mit dem wortlastigen Debattier-Stück ohne cineastischen Charme: „Ich hab die Nase voll von männlichem Selbstmitleid.“

Autor: Lida Bach
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