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Cannes 2026: Ein Eröffnungsbericht

Lidanoir

Von Lidanoir in 79th Cannes Film Festival

Cannes 2026: Ein Eröffnungsbericht Bildnachweis: © Cannes 2026

Die Jury rund um Präsident Park Chan-Wook (4.v.r) /© Foto: Amélie  Canon, Festival de Cannes

von Patrick Fey

Es ist kein großes Geheimnis, dass die Französïnnen das amerikanische Kino lieben. Vieles geht dabei sicher auf die erste ‘Welle’ der Nouvelle Vague zurück, im Zuge derer die Kritikerïnnen der Cahiers du Cinéma—die meisten derer waren Männer—in Filmemachern wie Alfred Hitchcock, John Ford oder Howard Hawks—in der Regel waren es Männer—die großen Autorenfilmer jener Zeit erkannten, deren Handschrift auch das amerikanische Studiosystem nicht hinreichend verwässern konnte. Von Alberto Barbera, seines Zeichens Festivalleiter der Mostra von Venedig, konnte man immer wieder hören, dass das Festival auf dem Lido nach einer Sinnkrise während der 2000er Jahre erst wieder so richtig in Schwung kam, als es gelang, “the Americans” in die Lagunenstadt zu lotsen. Womit hier in erster Linie nicht die Filmemacherïnnen gemeint sind, sondern die Studios. Seit 2016, als Lav Diaz mit dem Gewinn des Goldenen Löwen für The Woman Who Left—ein für Diaz-Verhältnisse zwar beinah konventionelles, aber immerhin noch mehr als dreieinhalbstündiges Slow-Cinema-Rachedrama—das schier Unvorstellbare gelang, gingen, mit einer Ausnahme, Audrey Diwans L'Événement 2021—alle Preise an eine amerikanische Produktion, sei es auf Seite der Regie oder des Studios. In Cannes ist man seit jeher in einer komfortableren Situation, da das Festival an der Cote d’azur gemeinhin als das prestigeträchtigste seiner Art betrachtet wird und es gewohnt ist, die Titel zu bekommen, die es will. Und dennoch, so betonte jüngst Cannes-Programmdirektor Thierry Fremeaux anlässlich seines fünfundzwanzigsten Amtsjahres in einem Interview mit Variety, sei es seit Beginn seiner Amtszeit von entscheidender Bedeutung gewesen, Hollywood vor Ort zu haben. Diese Losformel habe ihm Vorgänger Gilles Jacob mit auf den Weg gegeben.

Nachdem die Versuche der großen Hollywoodstudios, Cannes als mediale Startrampe für eine erfolgreiche Sommer- bzw. Herbstsaison zu nutzen, in den letzten Jahren einer nach dem anderen scheiterten (Top Gun: Maverick bildet hier die große Ausnahme, wenngleich es fraglich ist, inwiefern eine Premiere bei einem Festival wie Cannes sich tatsächlich in Zahlen niederschlägt. Insbesondere wenn man die Zahlen mit jenen zu Mission Impossible: The Final Reckoning aus dem Vorjahr vergleicht, der doch im Grunde eine ähnliche Zielgruppe ansprechen sollte wie die Top Gun-Fortsetzung. Viele andere kostspielige Cannes-Filme, die in der Folge ihrer Premiere an der Croisette stark floppten, ließen sich an dieser Stelle anführen: das Mad Max: Fury Road-Spinoff Furiosa etwa, oder Horizon: An American Saga – Chapter 1, oder auch James Mangolds Indiana Jones and the Dial of Destiny wären zu nennen. Selbst Martin Scorseses Killers of the Flower Moon mit einem kolportierten 200-Millionen-Dollar-Budget bei einem deutlich geringeren Einspielergebnis dürfte in diese Katergorie fallen, wenngleich dieser den verantwortlichen Apple Studios immerhin zehn Oscar-Nomminierungen und einiges an Prestige einbrachte.

Dieses Jahr hingegen—es handelt sich um Ausgabe 79 des Festivals—sind all diese Gedankenspielereien gewissermaßen hinfällig, denn die großen Studios bleiben den Stränden an der Croisette weitestgehend fern. Wenngleich sich mit Steven Soderbergh und Ron Howard pro forma gleich zwei amerikanische Filmemacher wiederfinden, die in der (wenn auch fernen) Vergangenheit für einige Blockbuster verantwortlich zeichneten, so sind sie hier mit weit weniger Aufmerksamkeit erregenden Dokumentationen vertreten: Während Howard sich auf 104 Minten dem Leben und Schaffen des Photographen Richard Avedon verschreibt, widmet sich Soderbergh, dessen letzter Film The Christophers mit Ian McKellen erst jüngst als limited Release in den US-amerikanischen Kinos zu sehen war, dem letzten Interview mit John Lennon, das dem Pressetext nach erstmals in voller Länge zu hören sein wird (es handelt sich hierbei um ein Interview, das Lennon am 8. Dezember 1980 gemeinsam mit Yoko Ono einem kleinen Team von Radio-Reporterïnnen und nur wenige Stunden vor seiner Ermordung). Es dürfte interessant zu sehen sein, wie Soderbergh ein solches Ton-Dokument in Bewegtbild überträgt. Das Interview als solches lässt sich jedenfalls auch im Online-Archiv finden—für all jene, die in nächster Zeit nicht die Chance haben werden, Soderberghs Film zu sehen.T rotz der Namen, die an diesen Projekten hängen, dürfte es sich hier um allenfalls Randständiges handeln.

Denn im Zentrum des Festivals steht traditionell der Wettbewerb. Das dem noch immer so ist, stellte ein sich in steter Regelmäßigkeit wiederholendes Vorkommnis unter Beweis. Was im Jahr 2023 Víctor Erice (Close Your Eyes) und in den Folgejahren erst Mike Leigh (Hard Truths) und dann Jim Jarmusch (Father Mother Sister Brother) traf, geschah nun auch Werner Herzog, mit dessen neuem Film Bucking Fastard fest im Line-Up gerechnet wurde. Wie der Filmemacher allerdings jüngst selbst zu Protokoll gab, wurde seinem neuen Drama, das erstmals das Geschwisterpaar Kate und Rooney Mara vor der Kamera vereint, nur ein Platz außerhalb des Wettbewerbs angeboten. Herzog zog daraufhin zurück—nicht, wie er betonte, aus falscher Eitelkeit, sondern schlicht aus dem Grund, dass Bucking Fastard unter diesen Umständen nicht für die Schauspielpreise berechtigt wären. 

Der Wettbewerb

Doch halten wir uns, für diesen Moment, nun wieder an die eiserne Regel, die Frémaux während des Pressekonferenz gebetsmühlenartig wiederholt: In Cannes redet man nur von den Filmen vor Ort. Im Zentrum des Wettbewerbs stehen zumeist die Französïnnen und die Amerikanerïnnen. Ersterer gibt es im Wettbewerb mit Charline Bourgeois-Tacquets La Vie d'une femme, László Nemes‘ Moulin, Léa MysiusHistoires de la nuit, Jeanne HerrysGarance, Emmanuel MarresNotre salut und Arthur Hararis L’Inconnue gleich 5 Titel, wenngleich die Grenzen der Nationalitäten heutzutage immer mehr verschwimmen: Nemes ist bekanntermaßen Ungar, und auch Asghar Fahardi, der mit Histoires parallèles eine französisch-belgisch-italienische Co-Produktion präsentiert, unterstreicht diesen Trend, der sich auch aufgrund der immer klammer werdenden Produktionsbudgets ganz natürlich etabliert hat. Wenn man dem Kapitalismus unserer Zeit etwas Positives abgewinnen möchte, dann könnte man an dieser Stelle ansetzen: dass das Anzapfen verschiedener internationaler Fördertöpfe automatisch dazu führt, dass nationenübergreifende Verbindungen zwischen den verschiedenen Förderanstalten und Künstlerïnnen geschlossen und intensiviert werden.

Unter den bereits erwähnten Namen gibt es zahlreiche Debüts zu vermelden: mit Garance ist Jeanne Herry erstmalig überhaupt mit einem eigenen Film in Cannes. Im Zentrum steht Adèle Exarchopoulos, die eine junge Schauspielerin spielt, deren ungezügelte Ambition sie zunehmend zugrunde richten droht. Auch für Charline Bourgeois-Tacquets und Arthur Harari ist es das erste Mal im Wettbewerb, wenngleich Bourgeois-Tacquets Les amours d'Anaïs und Hararis Onoda bereits im der Semaine de la critique bzw. Un Certain Regard zu sehen waren. Harari zeichnete überdies als Co-Drehbuchautor für Justine Triets Palm-d’Or-Gewinner Anatomie d’une chute verantwortlich. Harari und Triet sind einer Beziehung und haben zwei Kinder. Ob ein Palmen-Gewinn Hararis das Paar zum ersten seiner Art machen würde, ist ein Recherche-Ziel für die Statistik-Feinschmeckerïnnen. In Hararis neuem Film, der international den Titel The Unknown trägt und lose auf der Graphic-Novel Le cas von David Zimmerman basiert, den er gemeinsam mit seinem Bruder Lucas schrieb, spielen Léa Seydoux und Niels Schneider (mit dem Harari bereits in seinem 2016er Debüt Diamant noir zusammenarbeitete) die Hauptrollen. Bemerkenswerterweise schlüpft in diesem Bodyswitch-Drama neben Victoire Du Bois auch der rumänische Berlinale-Gewinner Radu Jude in eine Nebenrolle. 

Ähnlich zu den Karrierewegen Bourgeios-Tacquests und Hararis verlief auch die bisherige Laufbahn Léa Mysius‘, die nach Ava und The Five Devils, die 2017 und 2022 in der Semaine de la critique respektive der Quinzaine de Cinéastes Premiere feierten, mit Histoires de la nuit (international: The Birthday Party) erstmals im Wettbewerb zugegen ist. Dem illustren Cast stehen die etablierten Darstellerïnnen Hafsia Herzi, Benoît Magimel, Bastien Bouillon und Monica Bellucci voran. Die Romanadaption weist in ihrer Prämisse—ein entlegenes Haus, in dem sich zunehmend übernatürliche Dinge zuzutragen scheinen—durchaus Anleihen zu Mysius‘ Vorgänger auf.

Daneben sind der Iraner Fahardi und der Ungar Nemes freilich alte Bekannte an der Croisette. Für beide liegen die letzten Filme allerdings schon einige Jahre zurück. Fahardis A Hero war im übervollen 2021er-Jahrgang zu sehen. Seither war Fahardi allerdings auch in einigen Rechtstreitigkeiten verwickelt, die im Nachgang des Filmes aufkamen. Eine seiner Studentinnen hatte ihn des Plagiats bezichtigt, weil Fahardi die Dokumentation ihres Filmes als eine Grundlage für A Hero nahm. Das Gericht entschied letztlich zu Fahardis Gunsten, insbesondere, da es sich hierbei um einen realen Fall handelte, dessen sich der iranische Meister annahm. Ein fader Beigeschmack blieb allerdings, da im Zuge der Berichterstattung auch ans Licht kam, dass Fahardi seine Studentin dazu drängte, ein Dokument zu unterzeichnen, das ihren Anspruch auf die Geschichte verneinte. Fahardis Anwalt bestätigte allerdings, dass ein solches Dokument rechtlich keinen Bestand hätte, und dass „Ideen und Konzepte nicht vom Copyright“ geschützt seien. Über Fahardis zehnten Spielfilm ist noch nicht allzu viel bekannt. Aussagen des polnischen Produzenten Maciej Musiał nach soll es sich um eine lose Adaption von Krzysztof Kieślowskis Dekalog: Six ,deutlich besser in dessen Kino-Langfassung unter dem Titel Ein kurzer Film über die Liebe bekannt. Gleichzeitig wird in einem Interview Vincent Cassels, der neben Isabelle Huppert und Virginie Efira zu sehen ist, davon ausgegangen, dass der Film von den islamistischen Terrorangriffen auf das Pariser Bataclan-Theater im November 2015 handele.

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Noch viele Dekaden weiter, in ein ebenfalls düsteres Kapitel der französischen Geschichte, blickt Emmanuel Marre, dessen Notre salut Marres Solo-Spielfilmdebüt bedeutet, das auch gleich in den Wettbewerb eingeladen wurde. Swann Arlaud spielt hierin Henri Marre, dessen Figur an Emmanuel Marres gleichnamigem Großgroßvater angelehnt ist, der während der Nazi-Belagerung versucht, Frankreich vom Vichy-Regime zu befreien. Im gleichen Zeitraum ist auch László Nemes‘ Moulin angesiedelt. Für Nemes, dessen letzte Filme Sunset (2018) und Orphelin aus dem Vorjahr in Venedig Weltpremiere feierten, bedeutet Moulin—ein Biopic über Jean Moulin, der den französischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten als erster Präsident des Conseil national de la Résistance maßgeblich anführte—die Rückkehr an die Croisette. Dort hatte ihm Son of Saul 2011 den Grand Prix eingebracht. Jener Preis findet sich auch im Trophäenschrank Lukas Dhonts, der ihn 2022 für Close erhielt. Angesichts der Tatsache, dass Dhont noch keine 35 Jahre zählt, liegen jene Leute vermutlich nicht ganz falsch, die ihn als das „belgische Wunderkind“ bezeichnen, wenngleich Dhonts Darstellung von Queerness und der häufig damit einhergehende emotionale Überschuss mitunter auch Kritik hervorrief. Was sich zweifellos festhalten lässt, ist, dass Dhont ganz entscheidend dazu beigetragen hat, die flämische Sprache im Weltkino zu etablieren. In seinem neuen Film Coward befinden wir uns im Umfeld der Grabenkämpfe des Zweiten Weltkrieges, wo zwei Soldaten versuchen, der Kriegspropaganda durch die Kunst etwas entgegenzusetzen.

Gewissermaßen im Gegensatz dazu steht Ryūsuke Hamaguchi, dessen Kino oft dem entspricht, was Anglophone als „unterstated“ bezeichnen. Bereits der Titel Soudain—französisch für „plötzlich“—lässt anklingen, dass Hamaguchi hier erstmalig vollständig außerhalb seiner Muttersprache arbeitet (sein jüngster Erfolg, Drive My Car aus dem Jahr 2021, hatte, wie sich die meisten erinnern werden, auch einige koreanische Passagen). Der japanische Titel verrät uns allerdings bereits das, was der französische offen lässt: Dort heißt es in der Langform nämlich: „Plötzlich fühle ich mich unwohl“. Die Briefwechsel zwischen der japanischen Philosophin Makiko Miyano, die 2019 im Alter von 42 Jahren an den Folgen von Brustkrebs starb, und der medizinischen Anthropologin Maho Isono, die in Buchform unter dem Titel „You and I – The Illness Suddenly Get Worse“ erschienen, dienten als grobe Vorlage. Ebenso spielt das Behandlungskonzept Humanitude, das in Frankreich entwickelt und mittlerweile auch nach Japan exportiert wurde, eine gewichtige Rolle. Dieses definiert die Krankenhauspflege als mitfühlend und anteilnehmend, aber eben auch auf Augenhöhe; ein Miteinander, das Patientïnnen verschiedener Krankheitsgrade und Einschränkungen nicht separiert, sondern bewusst zusammenbringt. In gewisser Weise knüpft Hamaguchi hier also an einen Trend an, der sich in den vergangenen Jahren im Festivalkino entwickelte. Sowohl Sarah Friedlands Familiar Touch als auch Heather Youngs There, There nahmen sich moderner Auffassungen und Ansätze in der Pflege an. Mit 196 Minuten ist All of a Sudden, wie der Titel im Englischen heißt, der längste Film des diesjährigen Wettbewerbs.

All of a Sudden ©Neon

Auf zweiter Position hinsichtlich der Laufzeit liegt Valeska Grisebachs Das geträumte Abenteuer. Für die gebürtige Bremerin handelt es sich um das Debüt im Wettbewerb, womit sie zudem nach Mascha Schilinski, deren In die Sonne schauen im Vorjahr ebenfalls den einzigen* deutschen Beitrag darstellte (*Dominik Moll, der mit Dossier 137 im Wettbewerb vertreten war, wuchs zwar ebenfalls in Deutschland auf ist aber vollends in der französischen Filmindustrie beheimatet), die zweite deutsche Regisseurin in Folge ist, die erstmalig im Wettbewerb von vertreten ist. In vielerlei Hinsicht setzt Grisebach mit Das geträumte Abenteuer das fort, was sie im hochgelobten Western—jener premierte vor neun Jahren in Un Certain Regard—begann. Wie bei Maren Ade, deren monumentaler Toni Erdmann vor 10 Jahren für Aufsehen im Wettbewerb von Cannes sorgte und deren Studio Komplizenfilm Grisebachs Filme produziert, wird es um Grisebach während dieser längeren Zwischenperioden äußerst ruhig. Doch was bei Ade die zahlreichen Co-Produktionen sind (unter anderem die Filme Nadav Lapids, Nuri Bilge Ceylans, Lisandro Alonsos und Pablo Larraíns), ist bei Grisebach die Feldarbeit. Nachdem bereits Western hauptsächlich in einer bulgarischen Gemeinde nahe der griechischen Grenze angesiedelt war, verbrachte Grisebach in der Folge über mehrere Jahre viel Zeit in Bulgarien, während derer sie auch die Sprache lernte. Und dennoch ist es gewissermaßen eine Überraschung, dass die Protagonistin in Grisebachs neuem Film den Namen „Veska“ trägt und ganz offensichtlich autobiografisch geprägt ist. Nicht nur, weil Grisebachs bekannteren letzten beiden Filme Sehnsucht und Western hauptsächlich Männer im Zentrum hatten, sondern Grisebachs eigene Person als solche den Geschichten fernblieb. Meinhard Neumann, der in Western den Protagonisten gleichen Namens spielt, soll indes auch in Das geträumte Abenteuer zu sehen sein.

Komplizen Film ©Das geträumte Abenteuer

Einen etwas unüblichen, wenngleich nicht präzedenzlosen Weg in den Wettbewerb von Cannes fand dieses Jahr der spanische Großmeister Pedro Almodóvar, dessen Amarga Navidad in Spanien bereits einen regulären Kinostart hatte. Wenngleich selten hat es solche Laufbahnen in den letzten Jahren immer mal wieder gegeben. Dag Johan Haugeruds Berlinale-Gewinner 2025 Dreams lief seinerzeit bereits ein gutes halbes Jahr nach regulärem Start im Herbst 2024 im Heimatland Norwegen. Ebenso hatte Cannes-Urgestein Nanni Morettis A Brighter Tomorrow im April 2023 einen regulären Kinostart in Italien, bevor er an der Croisette zu sehen war. Für Almodóvar, der sich nach dem Gewinn des Goldenen Löwen 2024 für sein englischsprachiges Spielfilmdebüt The Room Next Door im Aufwind wähnen dürfte, stellt Amarga Navidad, der international unter dem Titel Bitter Christmas läuft, eine weitere Chance dar, endlich die Palm d’Or zu gewinnen. Letztmals mit einem Spielfilm war der Spanier zuletzt im Vor-COVID-Jahr 2019 vertreten, als Antonio Banderas als Alter Ego des Regisseurs den Preis für den Besten Darsteller entgegennehmen durfte. Auch im neuen Almodóvar geht es um eine „Autofiction“—so der wenig subtile französische Titel des Filmes—die die Protagonistin Elsa von ihrer Schreibblockade befreien soll.

Mit dem Regie-Duo Javier Ambrossi und Javier Calvo, die beide als Nebendarsteller in Bitter Christmas zu sehen sind (beide schufen im Vorjahr überdies ein dreiteiliges filmisches Porträt mit und über den spanischen Großmeister), befinden sich darüber hinaus zwei Landsleute Almodóvars im diesjährigen Wettbewerb. La bola negra basiert auf dem unvollendeten Roman Federico García Lorcas gleichen Namens und verbindet das Spanien des Jahres 1932 mit jenen der Jahre 1937 und 2017. Homosexuelles Begehren steht im Zentrum einer jeden Episode.

Ein anderer Spanier im Aufgebot ist Rodrigo Sorogoyen, der 2022 mit The Beasts in der noch jungen Sektion Cannes Première debütierte und daraufhin allerhand Preise abräumte, sei es beim wichtigsten Filmpreis Spaniens, dem Goya (neun Auszeichnungen, unter anderem für den Besten Film und Besten Regisseur), oder dem französischen Äquivalent César, wo er als bester fremdsprachiger Film prämiert wurde. All dies dürfte durchaus dazu beigetragen haben, dass sich Sorogoyen nun mit The Beloved (im spanischen Original: El ser querido) im Wettbewerb von Cannes wiederfindet. Nachdem die New York Times Sorogoyen und Óliver Laxe kürzlich in einem Artikel als Repräsentanten entgegengesetzter Pole des spanischen Gegenwartskinos identifizierte, wird es spannend zu sehen sein, ob Sorogoyens The Beloved in die Fußstapfen Sirāts treten kann. Jener bewies sich am französischen Box Office nämlich als der erfolgreichste Titel des letztjährigen Cannes-Wettbewerbs. Womöglich mag es da helfen, dass The Beloved am Eröffnungstag des Festivals in den französischen Kinos anläuft. Die Handlung klingt indes verblüffend vertraut: Für die Arbeit an einem neuen Filmprojekt findet sich ein Filmemacher mittleren Alters (Javier Bardem) mit seiner entfremdeten Schauspieltochter (Victoria Luengo). Wem hier nicht Joachim Triers gefeierter Sentimental Value in den Sinn kommt—nein, machen wir uns nichts vor, solche Leute gibt es unter Moviebreak-Leserïnnen wahrscheinlich nicht.

Traditionell stark vertreten im Cannes-Line-Up ist seit einigen Dekaden auch das ostasiatische Kino, insbesondere seit Oldboy 2004, wenige Monate nachdem er bereits in den heimischen koreanischen Kinos für Furore sorgte, beinah eigenhändig die Aufmerksamkeit des westlichen Publikums auf das koreanische Kino und mit ihm die vielen Strömungen des (ost-)asiatischen Kinos lenkte. Regisseur Park Chan-wook, der seinerzeit den Grand Prix von der von Quentin Tarantino übersehenen Jury erhielt, ist in diesem Jahr nun selbst der Jurypräsident und muss gemeinsam mit den Schauspielerïnnen Demi Moore, Ruth Negga, Isaach De Bankolé und Stellan Skarsgård sowie den Regisseurïnnen Laura Wandel, Chloé Zhao und Diego Céspedes und dem Drehbuchschreiber Paul Laverty über die wichtigsten Preise der Festivalsaison befinden.

Parks Landsmann Na Hong-jin, der mit The Wailing 2016 seinen letzten Film präsentierte—jener premierte in Cannes „Out of Competition“—meldet sich mit dem Science-Fiction-Blockbuster Hope zurück, der dem Vernehmen nach bis zu 100 Milliarden Won gekostet haben soll (dies entspricht mehr als 50 Millionen Euro). Bei einem solchen finanziellen Risiko mag es nicht schaden, mit Michael Fassbender und Alicia Vikander auch international etablierte Namen im Cast zu wissen. Allzu viel ist über das Projekt noch nicht bekannt, allerdings soll es sich beim zentralen Ereignis um eine Alieninvasion handeln, die eine unerforschte Pandemie mit sich bringt.

Hope ©Plus M Entertainment


Auch Japan ist, wie gewohnt, im Wettbewerb vertreten. Neben Hamaguchi ist Cannes-Dauergast Hirokazu Kore-eda mit Sheep in the Box, dessen neuer Film sich wie eine Black Mirror-Episode liest. Darin adoptiert eine Familie nach dem Tod der Tochter eine kindliche Humanoidin. Wie für Kore-eda üblich, steht eine unkonventionelle Familienkonstellation im Zentrum der Geschichte. Ebenfalls kein unbekannter Japaner an der Croisette ist Kōji Fukada, der 2016 für Harmonium den Un-Certain-Regard-Jurypreis gewann und erst im Vorjahr noch mit Love on Trial, einem Drama über eine Pop-Girl-Band, in Cannes Première zu sehen war. Nagi Notes stellt nun Fukadas Wettbewerbsdebüt dar. Darin nähern sich zwei Frauen, die einander einst kannten, durch die Kunst des Skulptierens, wieder an.

Im Gegensatz zu den unsagbar produktiven Kore-eda und Fukada ist es schon eine ganze Weile her, dass wir einen neuen Film des russischen Meisters Andreï Zviaguintsev zu sehen bekamen. Ganze neun Jahre ist es her, dass Zviaguintsev, der den meisten seit Leviathan aus dem Jahr 2014 ein Begriff ist, mit Loveless einen neuen Film vorlegte. Jener gewann seinerzeit den Preis der Jury. Wie beim Blick auf die Synopsis seines neuen Filmes Minotaur unschwer erkenntlich ist, ist auch Zviaguintsevs fiktionales Werk nicht vom russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine unversehrt geblieben. In Minotaur muss ein Geschäftsmann sehen, wie sein Geschäfts- und Liebesleben während und unter der „speziellen Militäraktion“, wie es im Wortlaut des Kremls heißt, zunehmend ins Schlittern gerät.

Um einen Cinéasten gleichen Ranges handelt es sich beim Rumänen Cristian Mungiu. Dessen letzter Film, der von der Kritik gefeierte R.M.N., feierte 2022 Weltpremiere in Cannes. Angesiedelt in einer abseitig gelegenen norwegischen Gemeinde stehen bei Fjord einmal mehr die von Ressentiments getragenen sozialen Dynamiken im Vordergrund. Die internationalen Stars Sebastian Stan (der hiermit seinen rumänischen Wurzeln tribute zollt) sowie Everybody’s-Darling Renate Reinsve (bekannt aus den jüngsten Joachim-Trier-Filmen) stehen hier erstmals seit A Different Man gemeinsam vor der Kamera. 

Abgerundet wird das Line-up zum einen von der Österreicherin Marie Kreutzer, deren letzter Film Corsage, ein Biopic über Kaiserin „Sissy“, Vicky Krieps 2022 den Darstellerinnen-Preis in der Un-Certain-Regard-Sektion einbrachte. In dem ebenfalls von Maren Ades Komplizenfilm produzierten Drama Gentle Monster spielen Léa Seydoux und Jella Haase zwei Frauen auf dem Land, die lang genug über die Missetaten der Männer in ihrem Leben hinweggesehen haben. Zum anderen ist da Paweł Pawlikowski, nach Ida und Cold War eine lose Adaption von Colm Tóibín's Roman „The Magician“ vorlegt. In Vaterland begeben sich Hanns Zischler als Thomas Mann und Sandra Hüller als Tochter Erika während des Kalten Krieges auf einen fiktiven Roadtrip von Frankfurt and Weimar durch das geteilte Deutschland.

Und schließlich sind da noch die beiden Amerikaner: Cannes Veteran James Gray, dessen Paper Tiger der Prime-Slot des Festivals zuteil wird—wohl auch, weil der Cast mit Adam Driver, Scarlett Johansson (beide also erstmals seit Marriage Story wieder vereint) und Miles Teller ein denkbar stimmiges Bild auf dem roten Teppich abgibt—sowie Ira Sachs, der es nach Frankie 2019 mit The Man I Love zum zweiten Mal in den Wettbewerb schafft. Beide Filme sind im New York der 1980er Jahre angesiedelt und knüpfen mehr oder weniger direkt an ihre jeweiligen letzten Projekte—Sachs‘ Peter Hujar’s Day und Grays autobiografisches Coming-of-Age-Drama Armageddon Time—an. Wie jedes Jahr ist das Festival zu umfassend, um ihm in dieser Aussicht gerecht zu werden. Neben den Nebensektionen Un Certain Regard, der als zweiter Wettbewerb der „Sélection officielle“ daherkommt, sowie der noch immer recht neuen „Cannes Première“-Sektion für etabliertere Auteurïnnen, die es nicht in den Wettbewerb geschafft haben, gibt es Dokumentationen, Genre-Kino in den Midnight-Screenings, Special Screenings sowie die Out-of-Competition-Filme. Dazu kommen noch Klassiker—die 4K-Restauration von Ken RussellsThe Devils ist dieses Jahr eines der heißesten Tickets—und ein Film in der „Familiensektion“. Und dann ist da noch—für alle, die sich für Vin-Diesels-PR-Kampagne an den Karren spannen lassen, das 25. Jubiläum des ersten The Fast and the Furious-Films, das Universal in Anwesenheit der Stars um Diesel und Michelle Rodriguez im großen Grand Théâtre Lumière feiert.

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Der oder dem Cinephilen weitaus näher stehen da aber jene Sektionen, die zwar während des Festivals ebenfalls ein Line-Up präsentieren, von diesem aber relativ unabhängig sind (hin und wieder gibt es gewisse Vorfälle. Vom Vorjahr heißt es etwa, dass Nadav Lapid für den Wettbewerb vorgesehen war, dann aber letztlich in der Quinzaine des Cinéastes landete. Jener Sektion wird dieses Jahr einer der stärksten Jahrgänge der jüngeren Geschichte bescheinigt. Mit Filmemachern wie Radu Jude, dessen lose an Luis Buñuels Diary of a Chambermaid den Titel der Vorlage trägt, sowie Lisandro Alonso, Kantemir Balagov, Clio Barnard, Quentin Dupieux (selbiger ist, über die Sektionen verteilt, gleich mit zwei Filmen am Start), Bruno Dumont—um nur einige zu nennen—lässt sich dieses Urteil schwerlich von der Hand weisen. Doch auch die Sektionen Semaine de la Critique und ACID sind dafür bekannt, Debütantïnnen und noch wenig bekannte Stimmen zur breiten Aufmerksamkeit zu verhelfen. Nicht selten passiert es, dass sich neugieren Augen gerade in diesen Sektionen die größten Offenbarungen eröffnen. 

Ob dem auch in diesem Jahr wieder so sein wird, wird das Moviebreak Trio Lida Bach, Jakob Jurisch und Patrick Fey durch Podcasts und Kritiken ganz genau beobachten!

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